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Danke.
by Blinkbear on Apr..30, 2014, under Kostja
Langsam, sehr langsam öffnete er die Augen. Sein Kopf fühlte sich an, als ob er gleich zerbersten würde. Es war hell, zu hell. Instinktiv tastete er sich an seinem Körper herab, zur Innentasche seines Mantels. „Besser,“ presste er zwischen den Zähnen hervor, nachdem er die Sonnenbrille aufgesetzt hatte. Trotzdem drückte er sogleich die Lider wieder aufeinander, um den Schmerz im Kopf zu verdrängen, und einen klaren Gedanken fassen zu können. Er saß… an irgendetwas gelehnt… vermutlich auf dem Boden. Aber wo? Er strich mit der Hand über den Grund unter sich. Sein Arm war bleischwer, aber augenscheinlich unverletzt. Er fühlte spärlich mit Gras bewachsenen, von Wurzeln durchzogenen Erdboden. Er legte die Hand in den Schoß und versuchte, sich zu konzentrieren. Tick tack, tick tack. Knurrend widerstand er dem Bedürfnis seine Armbanduhr irgendwohin zu schleudern. Stattdessen legte er seinen Kopf an die Lehne und zwang sich dazu, die Augen zu öffnen. Er sah in eine hohe, kahle Baumkrone, die keinen großartigen Schutz vor der Sonne bot. Einer freundlichen aber nicht wärmenden Wintersonne. Er wusste, dass er gesprungen war. Aber wo war er jetzt? Er schloss die Augen und versuchte sich zu erinnern, wo er zuvor als letztes gewesen war. Es wollte ihm nicht gelingen. Dort, ein Fetzen der Erinnerung, doch dann klingelte es. Nicht in seinem Kopf sondern draußen, hörbar und schrill. Er zuckte zusammen, drückte sich an den Baum an den er lehnte. Aufhören, flehte er leise in seinen Gedanken. Doch das furchtbare Geräusch hielt noch eine Minute an, bis es endlich verstummte. In die letzten Töne mischten sich laute Kinderstimmen. Vorsichtig wandte er den Kopf und war mit einem Mal hellwach. Entgegen aller Vernunft stand er schnell auf, was ihn schwindelnd schwanken ließ. Mit den Augen fixierte er die große Tür des kleinen Schulgebäudes, aus dem Kinderscharen in die Freiheit strömten. Eine Minute starrte er nur vor sich hin, dann erinnerte er sich daran, etwas kühles auf dem Boden zwischen den Wurzeln gefühlt zu haben. Er ging in die Hocke und fuhr noch einmal über den Boden und legte die Stelle frei. Im Boden steckte ein blauer, kreisrunder Gegenstand. Ein in die Erde getretener Metalldeckel einer kleinen Flasche mit Schraubverschluss. Kostja lächelte.
* * *
Er wagte es nicht zu schlafen, obgleich er ein dringendes Bedürfnis danach hatte. Zu groß war die Sorge über das menschliche Bündel, das in einen Parka gehüllt auf seinem Schoß lag. Behutsam strich er mit der Hand über den kahlrasierten Kopf des schlafenden Mädchens, vorsichtig die verwundete Stelle aussparend, wo einst das kleine Kinderohr gewesen war. Er biss sich auf die Lippen und starrte vor sich in die Dunkelheit. Im Versuch sich abzulenken, stellte er sich vor, was seine Freunde zu seiner Entscheidung gesagt hätten. Sicher wäre nicht jeder von ihnen einverstanden gewesen. Andere dagegen hätten es ihm sicher gleich getan. Es war eben die einzige Möglichkeit gewesen, sie zu retten, verteidigte er sich in seinen Gedanken. Er war nicht bereit gewesen, dieses Opfer zu bringen; und er war sich auch sicher, nie bereit dazu zu sein. Die Erinnerung an die Leute, die er während seiner langen Reise kennen gelernt hatte, war bittersüß. Sicher, er hatte sich nicht mit jedem verstanden. Aber er hatte so viele Freundschaften in seiner „Abwesenheit“ geschlossen, mehr als während seines Lebens in dieser Welt. Er war verliebt gewesen, hatte geliebt und war geliebt worden. Er hatte so viel kranke Scheiße erlebt, aber er war zeitweise auch so glücklich gewesen, wie man nur sein konnte. Ein leises Seufzen weckte ihn aus der Melancholie und ließ ihn auf den kleinen, geschundenen Körper in seinem Arm herabblicken. Das Mädchen hatte den Kopf leicht gedreht und machte das große, schwarzes Muttermal in ihrem Nacken sichtbar, das man leicht für eine Tätowierung halten konnte. Wieder erfassten ihn Erinnerungen, die ihn sich fragen ließ, ob sie ihn wohl deswegen für immer hassen würde. Er hatte sie neuen Gefahren ausgesetzt, das wusste er. Doch die Wunden an ihrem Körper waren so eitrig gewesen, ihr Atem so flach und ihre Stirn so heiß. Er hatte nicht geglaubt, dass irgendein Arzt sie wieder hinbekommen hätte. Er hatte instinktiv gehandelt und derselbe Instinkt zerstreute jetzt in ihm die Zweifel, dass es nicht klappen könnte. Natürlich würde sie gesund werden, sogar noch gesünder als je zuvor. Er wusste, dass es schwer werden würde, aber sie würde stärker sein als je zuvor. Wieder drehte das Kind seufzend den Kopf und sah nun direkt nach oben, um endlich die Augen zu öffnen. Als sich ihre Blicke im beinahe vollkommenen Dunkel trafen, wusste er, dass es funktioniert hatte. „Hey,“ sagte er, ruhig. Sie antwortete gleichermaßen. Ihre Stimme war noch leicht heiser und doch merkte er bereits die Veränderung darin. Die Stimme war älter geworden, hatte etwas an Kindlichkeit verloren. „Ich wusste, dass Du kommst.“ Er lächelte schief. „Sind wir jetzt sicher?“ Niemals, dachte er. „Ja,“ sagte er. Sie lächelte und schälte sich aus dem Parka, der sie wie ein Kokon umgab. Sie rutschte von seinem Schoß und setzte sich vor ihm auf den verstaubten Dielenboden. Ihre Hand fuhr ihm über das Gesicht, wie um sicher zu gehen, dass er es wirklich war. Dann bemerkte sie die Kette um seinen Hals und strich sanft über den Anhänger. „Wo hast’n die her?“ Sein Lächeln wurde eine Spur breiter, so dass es seine Fangzähne offenbarte. „Von ’nem Engel,“ brachte er nur hervor, wohl wissend, wie lächerlich es klang. Sie lachte auf, leise, etwas heiser, aber sie schien über den Berg. Auch das Lachen hatte an Kindlichkeit verloren und es hatte deutliche Fangzähne offenbart, kürzer als die seinen, dafür spitzer. Kostja registrierte es kaum. Engel. Hinter der Fassade seines Lächelns umspülte ihn eine Flut von Erinnerungen und Gefühlen, so flüchtig, dass es ihm schwer fiel, sich auf ein bestimmtes Detail zu konzentrieren, doch gleichzeitig so klar, dass er wusste, dass sie ihn immer begleiten würden.
Of Wolf and Man
by Blinkbear on Feb..18, 2011, under Kostja, Taverne
Als die Sonne unterging, lief der große, graue Wolf immer noch durch die Wildnis. Er bewegte sich gleichmäßig und mit beinahe gleichförmiger Geschwindigkeit. Nur dann und wann hielt er an, witterte oder hob seinen Kopf gen Himmel. Aus der Dämmerung wurde Nacht, doch der Wolf hielt nicht an. Eine für ein Tier merkwürdige Zielstrebigkeit lag in seinen kraftvollen Bewegungen. Die Stunden vergingen, die Vegetation wurde etwas karger, als sich Berge vor ihm auftaten und der Untergrund stellenweise felsig wurde. Nur hier und da standen noch kleinere, leicht verkrüppelte Bäume, Grase und Moose wuchsen vereinzelt auf Flecken nährreichen Bodens. Der Wolf näherte sich den Bergen solange, bis er den leichten Anstieg bereits unter den Tatzen spüren konnte. An die Stelle der Zielstrebigkeit trat jetzt eher ein Suchen. Er lief nach links und rechts, offenbar einen bequemen Weg zwischen den Bergen hindurch suchend. So verbrachte er eine knappe Stunde, um dann schließlich zu jagen und sich danach in einer kleinen Kuhle einzurollen. (continue reading…)
Schoßhunde
by Blinkbear on Feb..07, 2011, under Heathland City
„Finger weg, Abschaum.“ Das Drohen in der Stimme war nur allzu offensichtlich, schien seinen Zuhörer jedoch nicht zu beeindrucken. „Benimm Dich, Dämon. Du bist hier auf Prinzengebiet.“ Für einen Moment trafen sich die Augen des Dämons und des Ghouls voller Hass. Tyreophorus wandte sich ab und spuckte auf den Boden neben sich. Diese Stadt ging den Bach runter, seit dieser Drecksvampir hier aufgetaucht war und sich als der Boss von allen begriff. „Ein bisschen mehr Respekt, Dä-„, begann der Ghoul erneut, beinahe feixend. „Halt deine blutsgebundene Fresse oder ich schneid sie Dir eigenhändig aus dem Gesicht.“ In einer fließenden Bewegung zog Ty sein Messer und hielt es dem Ghoul an die Kehle. Kaum eine Sekunde verging bevor er das Klicken diverser Waffen hörte, die entsichert und ohne Zweifel auf ihn gerichtet wurden. Der Dämon nahm seinen Blick nicht von dem Ghoul und ließ nun lachend die Hand mit dem Messer sinken und hielt es dem Ghoul hin. „Ist das Schoßhündchen noch nicht stubenrein?“
13.07.2006, Mittags.
by Blinkbear on Feb..22, 2010, under Heathland City, Kostja
Als er sich dem Einfamilienhaus näherte, in das er erst letztes Jahr mit seiner Familie umgezogen war, ahnte er zunächst nichts böses. Erst als er an der Haustür ankam und keine Stimmen hörte, wurde er ein wenig unruhig. Eigentlich sollten seine Eltern heute beide zu Hause sein. Aber vielleicht waren sie ja spazieren gegangen. Er griff in seine Hosentasche und holte den Schlüssel hervor, steckte ihn ins Schloss. Es war nicht abgeschlossen. (continue reading…)
13.07.2006, Nachmittags.
by Blinkbear on Feb..22, 2010, under Heathland City, Kostja
Er wartete. Er stand an einen großen, alten Baum gelehnt, der unweit vom Schultor schon lange vor dem Aufbau der Schule Wurzeln geschlagen hatte. Seine Augen waren unter der Sonnenbrille halb geschlossen, unfreiwillig blickte er in die gnadenlose, sich nicht um das weltliche scherende Sonne. „Komm schon.“ flüsterte er. (continue reading…)
Trust your instincts like you trust what’s in the mirror.
by Blinkbear on Feb..10, 2010, under Heathland City, Kostja
Kostja erwachte. Endlich und vollkommen schlagartig. Für einen Moment ging sein Puls hoch, als er die ungewohnte Umgebung warzunehmen begann. Sein scharfer Blick fuhr über eine typische Kinderzimmerlandschaft: Spielsachen, die mehr oder minder ordentlich in Regalen untergebracht waren. Ein Bett, wohl etwa 80 cm mal 1,90, Bettwäsche mit irgendeinem generischen Aufdruck. Die Deckenlampe war ein großer Papierlampion an dem, bereits eingestaubt und wohl aus früheren Zeiten und nur der Nostalgie wegen nicht ebgenommen, ein Mobilé baumelte, kleine Tiere aus festem Kartonpapier an einfachen Schnüren. Vor den Fenstern hingen Vorhänge, grün mit goldenen Sternen. Offensichtlich war es Tag draußen, doch die Sonne fand kaum hinein. (continue reading…)