Irgendwann zwischen 2012 und heute – eine nicht datierte Tagebuchseite
by M.Oberth on Nov..05, 2017, under Michael Oberth
Der Brief kam standesgemäß, gesiegelt von höherer Stelle. In bestem Verwaltungslatein wurde über mein künftiges Schicksal beschieden. Nichts ungewöhnliches, nichts stört die vornehme Stille in der Pyramide. „Für besondere und herausragende Verdienste um Camarilla und Clan“ hieß es – man beachte die Reihenfolge, sie zeigt dem kundigen Leser die wahrhafte Bedeutung der folgenden Zeilen.
Die Stadt Mainz an der Seite eines Fürsten der Camarilla aus dem Griff des Schwertes Kains befreit, eine Älteste vom Clan der Hüter in den Schoß der Mutter Camarilla geführt, bei der Befreiung der Welt von ihren vormaligen Handlangern, darunter erfahrene Sabbatmitglieder, maßgeblich mitgewirkt, den Einfluss des Clans in der gedeihenden Domäne hochgehalten, dazu eine große, der internen Geheimhaltung unterliegende Bedrohung aus der dortigen Vergangenheit mit beseitigt. Davor eine Würdigung meines Werdegangs – nichts, woran ich gerne erinnert wurde: Orakel (Kassandra…) zu Frankfurt, dessen Geschicke ich für eine Weile in einem Triumvirat bestimmen konnte, Rekrutierung eines wichtigen (wenn auch verblichenen) Aktivpostens für den Clan und Sicherung des Monopols auf Blutmagie für unseren Clan, Versetzung nach Rheinhessen und erste Erfolge unter der Führung meiner ehemaligen Mentorin, beispielsweise gegen Endron, Anfertigung eines Meisterstücks.
Der Lohn: Erst Anerkennung als Magus Liber, dann Übertragung eines eigenen Gildehauses als Regentus Primus… ich sollte Stolz empfinden, Triumph, Freude, Freiheit! Der Brief geht weiter und verkündet, dass mir als Kompensation der erlittenen Erfahrungen und zur Versicherung künftiger Stabilität die Ehre eines Schluckes aus dem Kelch der Sieben gewährt wird. Ich hab diese Ehre, die natürlich auch eine Bürde ist, nicht abgelehnt, und bin froh, auf diese Weise weiter in der Harmonie unseres Clans geborgen zu sein, doch ist mir dennoch die Bedeutung bekannt: Misstrauen. Angst. Kontrolle. All das, was ich einem Mann meines Rufs und meiner Vergangenheit entgegenbringen würde – es ist beruhigend zu sehen, dass unsere Ahnen dies im Blick haben.
Doch ist dies längst nicht alles, was mich derzeit bewegt: In mir hat sich ein Pfuhl der Leere Bahn gebrochen wie die Schatten der Dame Adalgardis, deren Blut durch meine Adern kreist. Auf meiner Seele lasten verlorene Weggefährten, geliebte Kinder und entfremdete Vertraute: Manuel wurde noch in Frankfurt gebrochen, Diane wurde aus meiner Umgebung entfernt, Desmond zog das Licht der Morgensonne einem Dasein als Klinge meines Clans vor, meine Johanna musste ich Deutschland zurücklassen, damit sie vor Langeweile keine Kernschmelze in meinem Labor herbeizaubert und Cassandra wurde zu ihrem eigenen Schutz und Wohlergehen nicht mit in mein neues Refugium geschickt, da es doch zu unwirtlich ist. Und auch mein neuer Amtssitz ist nicht wirklich geeignet, um Zuversicht zu schöpfen – wenigstens kann ich in Ruhe die angeordneten Forschungen durchführen, denn die Last der Sonne ist hier nur selten drückend. Herzlich Willkommen in meinem kleinen Reich: Herzlich Willkommen im mit nur einem Tremere besetzten Gildehaus Antarktika…
Nachtrag: Vermutlich bin ich damit sowas ähnliches wie Prinz, denn außer meinem Helferlein, Robben, Pinguinen und einigen Forschern in der nahe gelegenen Forschungsstation ist hier niemand. Wenn ich also jemals das Bedürfnis habe, mich lächerlich zu machen, werde ich mich so vorstellen…
Nachtrag 2: Bei Gelegenheit herausfinden, wer so „vorteilhaft“ von mir berichtet hat, dass ich jetzt hier festsitze (und das ohne Anhörung). Kann bald keine Robben mehr sehen.