Kapitel IV – Die lange Wacht
by Necronius on Apr..29, 2012, under Sagitarius
Auszug aus „Der Pfad des Kriegers“ von General Amanda S. Roslyn (Systems Alliance Navy)
In Friedenszeiten ist der Zivilbevölkerung jedes modernen Staates nur schwer zu erklären gewesen, dass die Finanzierung einer Armee zu den Grundaufgaben jeder Regierung zählt. Es brauchte immer eine fühlbare Bedrohung für die Bevölkerung, um Kritik am Militär weitgehend verstummen zu lassen. Aus meiner Sicht ist das mangelnde Ehrlichkeit der Bevölkerung gegenüber: Es ist wahr, dass in den allermeisten Situationen kein konkreter Bedarf für eine Armee besteht. Das gestehe ich als jahrzehntelanger Militär ein.
Warum aber plädiere ich dann trotzdem für stehende Truppen? Die Antwort darauf liegt im Wesen moderner militärischer Konflikte. Werfen wir einen Blick zurück in die Geschichte: Was ist über die Jahrhunderte geschehen? Vereinfacht gesagt: Eine dramatische Weiterentwicklung in der Waffentechnologie und ein dramatischer Anstieg zivilgesellschaftlichen Wohlstandes.
Die Bürger moderner Staaten sind mit der Situation eines Krieges nicht mehr konkret vertraut. Selbst der Erstkontaktkrieg, der in den Hirnen der Soldaten dieser Allianz eingebrannt ist, bleibt für die Bürger eine abstrakte Größe. Bereits seit dem späten 20. Jahrhundert sind Bürger wohlhabender Staaten nicht mehr daran gewohnt, Kriege innerhalb der eigenen Landesgrenzen zu führen. Nun verschwindet der Krieg auch aus den Grenzen der Planetenatmosphäre und des eigenen Sonnensystems. Da sollte man meinen, dass Militärausgaben kaum noch nötig seien.
Dem entgegen steht aber die andere Entwicklung, die ich ansprach: Die dramatische Weiterentwicklung der Waffentechnologie. So gering die Wahrscheinlichkeit sein mag, dass tatsächlich ein militärischer Konflikt entsteht, der bis zur Erde gelangt, so sehr sollte Sie erschrecken, was die Hauptwaffen turianischer, batarianischer oder sonstiger Schlachtschiffe anrichten könnten, wären Sie auf London, Vancouver, Sydney oder eine der anderen tausenden Großstädte der Erde gerichtet.
Der Schrecken des Krieges folgt einer simplen Formel: Multiplizieren Sie die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs mit der Grausamkeit der Waffen und Sie erhalten die Sorgen, die Sie sich machen sollten.
Ich widerspreche niemandem, der sagt, dass die Soldaten 99,99% Ihres Dienstes sinnlos verbringen. Es bleibt der verschwindend kleine Anteil der Dienstzeit, der benötigt wird. Und noch hat niemand eine Kristallkugel erfunden, die uns sagen könnte, wann genau wir das Militär wirklich brauchen.
Und so bleibt die unsere Aufgabe, die Aufgabe eines Soldaten vor allem eine: Die lange Wacht. Wir verharren in Kasernen, auf Kriegsschiffen, Werften, wie wir früher auf den Türmen und Zinnen der Festungen und Städte standen. Wir schauen in die Ferne, werden nicht müde.
Ärgere dich, Bürger, uns mit durchfüttern zu müssen. Ärgere dich einhundert Tage lang. Aber fürchte den einen Tag, an dem doch jemand mit der Waffe in der Hand auszieht, dich anzugreifen. Fürchte, dass du selbst dann weder in der Lage wärst, dich selbst zu schützen, noch, rasch genug Hilfe zu holen. Fürchte den Tag, an dem du deinen Wächter brauchst.
Einhundert Tage lang bist du uns überlegen. Aber dann kommt der eine Tag, für den wir geboren, ausgebildet, trainiert wurden. An dem wir das Sagen haben und haben müssen. An dem jede Sekunde entscheidend ist. An dem jede Entscheidung tausend Leben kostet und vielleicht millionen rettet. Kein Bürger, kein Politiker wird dich dann retten. Es wird ein Soldat sein. Ein Wächter.
Fürchte diesen Tag. Fürchte das Ende der langen Wacht.