Of Wolf and Man
by Blinkbear on Feb..18, 2011, under Kostja, Taverne
Als die Sonne unterging, lief der große, graue Wolf immer noch durch die Wildnis. Er bewegte sich gleichmäßig und mit beinahe gleichförmiger Geschwindigkeit. Nur dann und wann hielt er an, witterte oder hob seinen Kopf gen Himmel. Aus der Dämmerung wurde Nacht, doch der Wolf hielt nicht an. Eine für ein Tier merkwürdige Zielstrebigkeit lag in seinen kraftvollen Bewegungen. Die Stunden vergingen, die Vegetation wurde etwas karger, als sich Berge vor ihm auftaten und der Untergrund stellenweise felsig wurde. Nur hier und da standen noch kleinere, leicht verkrüppelte Bäume, Grase und Moose wuchsen vereinzelt auf Flecken nährreichen Bodens. Der Wolf näherte sich den Bergen solange, bis er den leichten Anstieg bereits unter den Tatzen spüren konnte. An die Stelle der Zielstrebigkeit trat jetzt eher ein Suchen. Er lief nach links und rechts, offenbar einen bequemen Weg zwischen den Bergen hindurch suchend. So verbrachte er eine knappe Stunde, um dann schließlich zu jagen und sich danach in einer kleinen Kuhle einzurollen.
Als die Sonne aufging, hatte der Mann bereits einen Weg durch das Gebirge eingeschlagen. Er trug kein Gepäck bei sich. Dann und wann blieb er stehen, scheinbar die Aussicht genießend, und einen Schluck zu trinken nehmend. Die kleine Flasche, aus der er trank, reflektierte die Sonne wie ein Spiegel. In seiner Bewegung lag die Zielstrebigkeit und scheinbare Unermüdlichkeit eines Mannes, der noch vor Anbruch der Dunkelheit an seinem Ziel ankommen wollte. Sollte sein Ziel gewesen sein, die Berge hinter sich zu lassen, gelang es ihm nicht.
Als die Sonne unterging, lief der Mann noch immer durch das Gebirge. Die Sonnenbrille hatte er nun abgenommen und er blieb häufiger stehen und sah zum Himmel, so als wolle er sich orientieren. Mitten in der Nacht begann er ein Liedchen zu pfeifen. Eine fröhliche, offenbar für Kinder konzipierte Melodie. Als der Mond aufging, sank die Temperatur rapide. Der Mann jedoch schien sich daran nicht zu stören, er folgte seinem Weg weiter, mal pfeifend, mal leise singend, mal diese, mal jene Melodie.
Als die Sonne aufging, hatte der große graue Wolf das Gebirge gerade hinter sich gelassen und bewegte sich auf recht gerader Linie über die Ausläufer der Berge. Die Vegetation begann wieder zuzunehmen. Zur Mittagsstunde überraschte er ein Reh, das an einem kleinen See trank, allein und damit auch leichte Beute. Nachdem der Wolf soviel Fleisch in sich geschlungen hatte, wie sein Magen halten konnte, rollte er sich neben seiner Beute ein.
Als die Sonne unterging, lief der Wolf weiter. Er erhöhte das Tempo und hielt nur zum Trinken an Bächen. Sein Weg führte ihn durch einen kleinen Wald, dann wieder durch eine leicht bewachsene Ebene. Seine Zielstrebigkeit hatte nun ein Maximum erreicht. Einen See durchschwamm er, anstatt den Weg herum zu wählen. Die Sonne ging auf, unter, auf, unter, auf und wieder unter. Eine Rastlosigkeit schien den Wolf ergriffen zu haben, die erst durch seine vollkommende Erschöpfung beendet wurde, die etwa gegen Mitternacht eintrat. In einer kleinen Mulde brach er regelrecht zusammen und fiel sofort in tiefen Schlaf.
Als die Sonne aufging, lag ein großer See mit spiegelnder, ruhiger Oberfläche vor dem Wolf. Er witterte. Diesen See durchschwamm er nicht, sondern wählte den langen Weg. Es dämmerte bereits, als sich ein Gebäudekomplex vor ihm auftat. Erneut witterte er, trank aus einer nahe liegenden Quelle, und lief weiter, noch schneller als zuvor. Wer den großen grauen Wolf sah, konnte vielleicht eine Veränderung in seiner Mimik feststellen: Er lächelte.