VARP Charakterblogs

Frischfleisch

by on Dez..23, 2011, under Oskari Nygaardsvold

„Klemmen Sie jetzt die Blutzufuhr ab.“

Die Stimme von Professor Kahayoku war routiniert und ruhig. Das fahle, elektrische Licht des Operationssaals ließ das faltige Gesicht oberhalb des Mundschutzes noch markanter erscheinen. Die Augen allerdings waren hinter den Spiegelungen der Brillengläser kaum zu sehen.
Oskari wandte seinen Blick wieder dem Geschehen unterhalb seiner Hände zu und führte die Klemme in den Bauch des Patienten ein, während der Professor bereits das Skalpell bereithielt.
Sein Blick glitt kurz über das Gesicht des Mädchens, das da auf dem Tisch lag. Sie war vielleicht sechzehn Jahre alt. Eigentlich sah sie gesund aus.

„Sie können den künstlichen Kreislauf jetzt abschalten.“ sagte der Professor, einem Assistenten zugewandt. Oskari sah zu dem koffergroßen Gerät neben dem Tisch hinüber, an dem der Assistent nun einen Schalter umlegte.
Eigentlich sah sie gesund aus, dachte er, während er zusah, wie die Digitalanzeigen am Gerät eine nach dem anderen erloschen und auch das sanfte, stete Brummen der Maschine erstarb. Der Moment hatte etwas magisches an sich. Durch das Umlegen eines Schalters das Leben eines Organismus einfach so beenden zu können …

„Das Herz ist jetzt abgetrennt. Behälter.“ Die stimme des Professors brachte ihn wieder zurück zur Konzentration auf seine Arbeit. Er griff nach dem Kühlbehälter für das Organ und hielt es dem gealterten Arzt hin, der den noch zuckenden Muskel wie ein atztekischer Hohepriester in der Luft hielt. Er ließ das Herz in den Behälter gleiten und bedeutete Oskari mit einer Handbewegung, ihn zu verschließen.

Das Leben eines Menschen, verpackt auf ein paar Quadratdezimeter, dachte Oskari.

23 Stunden früher.

„Es ist nur ein Gespräch, Mama. Es ist nicht so, als würde ich zu einer Hochzeit gehen oder so was.“ sagte Lenya und rollte mit den Augen, als ihre Mutter das Kleid penibel auf Schmutz untersuchte und es so glatt strich wie es irgend möglich war.
„Es ist“, erwiderte die Mutter, „nicht nur ein Gespräch, junge Frau. Es ist ein Bewerbungsgespräch und eine große Chance für dich. Du hast Ewigkeiten darauf gewartet und hast mir immer davon erzählt, wie gern du Ärztin wärst. Von hier hat es noch nie jemand geschafft und es wäre doch zu schade, wenn es an irgendwelchen Kleinigkeiten scheitert, hm?“ Sie richtete sich auf und strich Lenya eine der braunen Haarsträhnen aus dem jungen Gesicht. Sie lächelte. „Wir sind hier alle stolz auf dich.“
„Ich weiß, Mama. Du hast es immerhin schon ungefähr zehntausendvierhunderteinunddreißig mal gesagt.“ Die Stimme des Teenagers klang trotz des launigen Wortlauts nicht halb so genervt wie üblich. Beide wirkten ein wenig nervös. Auch das Lächeln der Mutter erstarb.
„Denk immer an uns, ja?“ sagte sie und war nun ernst.
„Wahrscheinlich klappt es ja sowieso nicht, Mama. Und selbst wenn der Orden mich aufnimmt schreibe ich euch.“
Beide lächelten. Lenyas Mutter schien noch etwas sagen zu wollen, aber es klopfte bereits an der Tür des kleinen, selbstgebauten Hauses.

Die Mutter öffnete die Tür und blinzelte ins gleißende Sonnenlicht, das nur vom Staub der kargen Landschaft gedämpft wurde.

Zwei Männer in schwarzen Uniformen standen vor der Tür, einer bewaffnet und stumm im Hintergrund, der andere ein alter Mann mit Brille. Er lächelte kühl.
„Guten Tag, Madame. Mein Name ist Professor Kahayoku. Sie haben uns geschrieben.“
Das Lächeln der Mutter war etwas unsicher, als sie nickte und sie trat sofort zur Seite. „Natürlich, treten Sie doch ein.“ antwortete sie.

Kahayoku trat ein und sah sich kaum um. Seine kleinen, hinter den Brillengläsern kaum sichtbaren Augen sahen sofort zu Lenya, so als hätte er bereits gewusst, wo im Haus sie sich aufhielt.

Das Mädchen stand in kerzengerader Haltung da und verbeugte sich nun. „Guten Tag, Herr Professor.“ sagte sie und nur schwer unterdrückte Neugier und Vorfreude ließ ihr Gesicht strahlen.

Kahayoku nickte ihr zu. „Guten Tag, Lenya. Dann schlage ich vor, wir beginnen sofort mit den Tests, nicht wahr?“

16 Stunden später.

Der Rückflug war ereignislos gewesen. Man hatte wegen Turbulenzen einen leichten Umweg nehmen müssen, war aber sonst nicht gestört worden. Als die Zitadelle des Ordens sich am Horizont erhob und der erste Funkspruch eintraf, der eine Identifikation des Flugzeugs vom Piloten verlangte, sah Kahayoku noch einmal auf das Klemmbrett in seiner Hand und auf die Formulare, die er soeben ausgefüllt hatte. Er stand auf und ging zur Liege in der Mitte des Raums, auf dem bewusstlos das Mädchen lag. Es war bereits mit künstlicher Beatmung versehen und desinfiziert worden. Alles war vorbereitet.

„Geben Sie durch.“ sagte der Professor laut, um die Triebwerke zu übertönen. „Geben Sie durch, dass ich ein Herz mitbringe.“


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