VARP Charakterblogs

Gedankentagebücher

by on Apr..20, 2009, under Chinh Nguyen

Die Tagebücher sind nirgendwo aufgeschrieben, nirgendwo notiert. Dieser Mann brauch keine Tagebücher. Er würde auch nie welche führen. Emotionaler, vor Befindlichkeiten, Selbstmitleid und melancholischem Unsinn strotzender Restmüll eines minderbemittelten Gehirns wäre möglicherweise die Bezeichnung, die er dafür übrig hätte, wenn man ihn denn fragte. Sein Stil sind doch eher Checklisten, Formulare, sorgfältig geführte, knappe Notizen und derlei. Trotzdem denkt er unweigerlich nach. Besonders jetzt. Und das sieht dann in etwa so aus …

Das Implantat ist zweifellos weg. Keine Eingaben werden mehr akzeptiert. Das ist nicht zu verleugnen. Alle möglichen Testreihen sind abgeschlossen – keine Ergebnisse. Die Prothesen funktionieren noch, die Finger langsam wieder. Kleidung wechseln – schlecht. Urinieren, Stuhlgang – möglich. Körperhygiene – mehr oder minder ausgeschlossen. Dieser Körper zeigt sich mehr und mehr als das stinkende Wrack, als das ich ihn immer gesehen habe. Wertloser Dreck. Nur schlecht, dass man ihn nicht so leicht auswechseln kann, kleiner Nguyen.

O’Donnel erledigt die arbeiten ordentlich. Das war zu erwarten. Auch dass sie sie erledigt war zu erwarten. Mitleid, Nächstenliebe, sonst etwas. Beigaben ihrer irrationalen Gesinnung. Solange es nützt, werde ich es nicht beseitigen. Jetzt jedenfalls nicht. Gerade ist es nötig, den Schmarotzer zu spielen. Und sie hat es selbst so gewollt. Beizeiten werde ich noch einmal versuchen, ihr zu erklären, wie dämlich das ist, und die Arbeit zurückzahlen. Sicher nicht aus Dankbarkeit. Ganz sicher nicht.

Lehrtätigkeit als neue Zentralaufgabe. Was für eine Demütigung für dein beschissenes kleines Selbstbewusstsein, kleiner Nguyen. Du darfst es jetzt voll auskosten, wo das Implantat weg ist. Großartig. Hoffentlich verursacht es keine dauerhaften Komplikationen. Halluzinationen, Shizophrenie, Hirnschläge, Epillepsie … hervorragende Aussichten. Du könntest auf einer Ebene mit Sadamoto landen. Er würde sich sicher unglaublich freuen. Und du bist kein Telepath. Was bist du dann noch wert, du hirnloser Krüppel? Gar nichts. Und recht so, wenn du dich dann umbringst. Man sollte wenigstens selbst dafür sorgen, dass man sich nicht am Untergang der vernunftmäßigen Entwicklung beteiligt. Wenn man selbst anfängt, dem Feind zu nutzen ist die einzig richtige Wahl der Selbstmord. Verbrannte Erde. Militärische Strategie für Anfänger.

Aber O’Donnel hat es nicht gelernt. Sie war auch nie im Dschungel, hat nie ein Erschießungskommando geleitet und nie jemanden erschossen. Der Wert solcher Erfahrungen für den vernünftigen Geist ist zu bezweifeln. Aber sie könnte sicher einiges davon lernen.

Aber vielleicht unterschätze ich sie auch. Es bleiben mir nur Gedankenfragmente von dem, was sie mir mal gezeigt hat. Ich sollte mich aus der Abhängigkeit lösen. Noch nicht, weil es sowieso keinen Unterschied macht. Aber sobald ich eine Aufgabe habe.

Ich brauche ein CT, sobald ich mich wieder frei bewegen kann. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendein Symptom eintritt und ich habe mich noch nie an Würfelspielen beteiligt. Vorsorge ist besser. Und es kann alles sein. Ich habe noch viel Arbeit vor mir, um damit zurecht zu kommen. Ob ein bisschen Krüppel mehr oder weniger spielt keine Rolle. Aber ich muss noch denken können.

Es wird wieder Zeit, Pläne zu machen, kleiner Nguyen. Krieg deinen verdammten Arsch hoch und arbeite. Veränderte Umstände erfordern veränderte Vorgehensweisen. Militärstrategie für Anfänger.

Und wenn deine Hände erst einmal wieder funktionieren, fällt es auch einfacher, es sauberer zu Ende zu bringen, wenn es nicht funktioniert. Sartre war ein Idiot, aber den Blick hat er richtig gelenkt: Der Selbstmord ist die letzte Möglichkeit eines Menschen, der wirklich für seine Ideologie lebt und stirbt, zu beweisen, dass er es ernst meint. Bislang gescheitert, kleiner Nguyen. Sorg dafür, dass du es wieder gut machst.


1 Comment for this entry

  • Terrorpuschel

    *singt*
    Sag’s mir, kleiner Nguyen:
    Da zieht wer links an dir vorbei.
    Sag, was macht das mit dir?
    Dem ist dein Weltbild einerlei.
    Sag, was macht das mit dir?

    …das versteht jetzt außer mir wieder niemand, aber egal…

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