VARP Charakterblogs

Estnischer Walzer

by on Dez..06, 2010, under Janis Schumann

Es war um Mittag herum. Ein wenig zu spät, um in ein Restaurant zu besuchen, aber auch noch etwas zu früh, um bei Kaffee und Kuchen gemütlich zusammenzusitzen. Es waren diese ein bis zwei Stunden in der Mittagszeit, in denen man etwas in der Luft hing, wenn man gerade einen freien Tag hatte. Die meisten Freunde waren noch im Büro und man selbst verspürte diesen leichten nervlichen Druck, der von einem forderte, den Tag auch ja gut zu nutzen, ihn auszuschöpfen und zu genießen so gut man nur konnte. Schließlich hatte man nicht jeden Tag frei. Unter diesem Druck gelang es den wenigsten sich zu entspannen, und in dieser Hinsicht war es gut, dass Janis sich diesem Problem wenigstens an diesem Tage nicht stellen musste. Schließlich hatte er etwas zu tun: Er hatte jemanden umzubringen.

Das ganze war minuziös vorbereitet. Er hatte sich Einweghandschuhe besorgt, eine frische Waffe und einen Mantel, den er wegwerfen konnte. Das Ziel hatte er unauffällig beobachtet und hatte sichergestellt, dass niemand dazwischen kam. Und so begab sich nun jene Dame wie fast jeden Tag allein aus dem Haus, wohl um einen Spaziergang zu machen, und Janis folgte ihr, die rechte Hand bereits an die Pistole gelegt, die er noch in der Tasche trug. Ihr Weg war auch in der vorangehenden Beobachtungszeit stets ein anderer gewesen, so dass er nicht hatte riskieren wollen, an einer anderen Stelle zu warten als in der Nähe ihrer Haustür. Das ging mit einem höheren Risiko, entdeckt zu werden, einher, aber so waren das Leben und der Beruf nun einmal. Man konnte sich die Dinge eben nicht aussuchen.

Alles in allem war es ein angenehmer Tag. Der Himmel war klar und nirgends kündigten sich Regenwolken an. Die hinzu kommende Stille der Stadt verlieh dem ganzen Bild eine irgendwie schläfrige Sonntagnachmittagsatmosphäre und Janis nahm sich vor, noch ein Nickerchen zu machen, sobald er wieder zu hause war. Vielleicht würde er etwas Musik hören und dann dabei einschlafen. Eine Süßigkeit möglicherweise noch.

Er unterdrückte den Reflex, der Dame pfeifend hinterherzuschlendern und mühte sich die nötige Disziplin ab, geduckt und leise durch die Straßen zu huschen. Es gab schließlich noch gewisse Traditionen und es galt auch, einen gewissen Anstand zu wahren.
Nebenher merkte sich Janis im Kopf den Weg, den sie schon zurückgelegt hatten. Es war wichtig, dass sie in eine gewisse Entfernung kamen, bevor er begann. Das ganze versprach, Lärm zu machen und so etwas mochte der übliche Anwohner nicht. Verständlich, wenn man sich an die Ruhe dieser Stadt gewöhnt hatte. Da hätte er sich auch beschwert.

Langsam verschob er das Kaugummi in seinem Mund von der linken auf die rechte Seite. Es hatte längst seinen Geschmack verloren, aber er konnte von dieser unangenehmen Angewohnheit nun einmal nicht lassen: Rauchen während des Einsatzes war immer ein Problem, denn man brauchte ja freie Hände, also musste irgendein Ersatz her. Also eben dieses amerikanische Zeug. Außerdem hatte er einmal gelesen, dass es beruhigte. Konnte also nur gut sein, auch wenn es scheußlich schmeckte.

Als ihm nun die Entfernung hinreichend schien nahm er die Waffe aus der Tasche und beschleunigte seinen Schritt. Die Dame hatte er natürlich etwas vorausgehen lassen. Aufdrängen wollte man sich ja (noch) nicht. Der ganze Beruf erforderte ja auch eine gewisse Diskretion.
Die Waffe im Anschlag bog er nun um die Ecke und zielte auf die Frau. Ohne zu zögern betätigte Janis den Auslöser. Er war immer schon eher der direkte Typ gewesen.

Direkt zu Boden ging die Frau dummerweise nicht. Vielmehr hechtete sie zur Seite, noch während Janis im Begriff war, zu feuern. Ausfallschritt, eine halbe Drehung, die Arme heben. Dann in die Grundstellung, die Waffe nach oben, die Hände richtig anlegen und … Nun war Janis am Zug. Er führte schließlich auch. In die Knie, Schritt zur Seite, dann den anderen Fuß nachziehen. Die Hände waren dabei wieder zum Körper zu führen. Nun also hinter den Wagen, eine Kopfdrehung und kurzes Orientieren, aber den Bewegungsfluss nicht unterbrechen. Die Hände wieder nach oben, richtig ausrichten und dann locker aus den Fingergelenken …

Der Rhythmus der fliegenden Kugeln war peitschend und schnell. Ebenso die Bewegungen. Es war nun freilich reichlich ärgerlich, dass die vom Alter her ja nun schon etwas reifere Dame ihn nun bei seiner Arbeit aufhielt, aber so ein Tänzchen war ja auch etwas nettes und als Kavalier schlug man das ja nicht aus. Das Alter allerdings setzte auch ihm so langsam zu. Man geriet ja doch schneller außer Atem als das früher mal gewesen war. Da wäre er wahrscheinlich noch über die Dächer hinterher gerannt und hätte sich dann als Scharfschütze betätigt. Inzwischen aber hatte er die kurzen Distanzen zu schätzen gelernt. Das war gründlicher, direkter und sicherer. Und man gewöhnte sich daran. Wenn man einmal ein System hatte, gewann man es lieb.

Nun seitwärts: links, rechts, links, immer locker über Kreuz. Den Oberkörper dabei leicht nach vorn gebeugt und die Beine nicht so steif, immer schön angewinkelt.

Janis feuerte die letzte Kugel im Magazin ab und brachte sich wieder in Deckung. In seinem Kopf klang die Melodie des Donauwalzers von Strauß. Wien. Er war noch nie in Wien gewesen, so weit er sich erinnern konnte. Unglückliche Sache. Musste eine schöne Stadt sein. Aber jetzt wurde das wohl auch nichts mehr.

Und mehr Nähe, man darf da ruhig etwas Leidenschaft mitbekommen. Näher an die Partnerin heran, dabei wieder links, rechts, links, immer etwas hin und her, aber locker und dynamisch. Immer schön im Fluss bleiben.

Die Pistole warf er nun beiseite und nahm das Beil aus dem Werkzeuggürtel, das er umgeschnallt hatte Die Maschinenpistole der alten Dame war zu schnell, um die Schüsse zu zählen, aber da sie wesentlich mehr Kugeln abfeuerte als er musste auch ihr Magazin bald leer sein. Hier lenkte ihn kein Geräusch ab, also würde er das Nachladen wohl mitbekommen. Kaum mehr als fünf Meter trennten sie noch.
Das Beil war eine Art Leidenschaft geworden. Es hatte etwas bodenständiges an sich. Er dachte dabei immer an die Nadelwälder Skandinaviens und die wenigen einsamen Menschen, die dort lebten, außerhalb der Städte. Das Beil, das Gewehr. Förster und Jäger. Das führte zu den Ursprüngen des Menschseins zurück. Ein Beil in der Hand zu halten war ein irgendwie natürliches Gefühl. Insbesondere, wenn es gut gearbeitet war und die Gewichtung genau zu einem passte. Er hatte über eine Stunde damit zugebracht, sich das richtige Werkzeug auszusuchen. So etwas tat man nicht leichtfertig, wenn man etwas davon verstand. Und das tat Janis. Ach, da war doch das erwartete Klacken des Magazins …

Nun nach vorn, junger Mann! Nur Mut, hier beißt niemand!

Die Bläser erhöhten die Geschwindigkeit. Die aufsteigenden Akkorde klangen immer lauter. Das Orchester in Janis‘ Kopf spielte furios weiter, als er nun nach vorn rannte, das Beil erhoben. Der Mantel wehte hinter ihm her. Da war es, dieses ursprüngliche Jägergefühl. Nun in vollem Umfange. Jäger und Beute, wie es sich gehörte. Die natürliche Ordnung der Dinge.

Na, da waren Sie aber zu schnell. Sie sind aus dem Takt, junger Mann!

Die alte Dame hielt ihm den Lauf ihrer Maschinenpistole entgegen. Janis blinzelte einmal. Das Magazin war gar nicht leer gewesen. Sie hatte es nur kurz gelöst und dann wieder in die Waffe gerammt. Sie hatte die Führung übernommen … Wie unhöflich.

Ein letzter Feuerstoß krachte durch die stille Nacht und schleuderte Janis zurück. Er fiel und verlor das Bewusstsein.


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