Heathland Troopers
by Necronius on Nov..26, 2010, under Irina Iwanowna Taimanow
„Eins! Zwei! Vorwärts!“
Irina brüllte wie eine Irre, als sie aus der Deckung sprang und mit gezielten Feuerstößen weiter vorrückte. Sie rannte über die von dichtem Pilzbewuchs überzogene Straße zur nächsten Ecke und presste sich an die Wand. Nun wartete sie wieder einige Augenblicke. Um sie herum herrschte Lärm. Das Brummen der kleinen Wespenviecher, das schwere Trappeln der durch die Straßen preschenden Hyänenviecher, Feuerstöße ein paar Straßen weiter … nur das Artilleriefeuer fehlte noch. Dann wäre es wirklich wie im Krieg.
Irina grinste wie eine Irre, während sich ihr Atem langsam wieder etwas beruhigte. Sie hatte noch eine vage Ahnung, dass sie gerade eigentlich nicht glücklich sein sollte, aber momentan verschwamm alles in ihrem Kopf. Zur Reflexion war sie nicht fähig. Sie funktionierte nun auf einem sehr einfachen Level, arbeitete mit sehr simplen Algorithmen. Vorrücken, warten, vorrücken, warten. Dabei achtete sie auf die Kontrolle ihres Atems, auf das regelmäßige Nachladen und auf die schemenhaft vorbeiziehende Umgebung sowie die Veränderung der Geräusche. Aber das alles ging mechanisch vor sich, ohne wirkliches Bewusstsein. Sie schwamm sozusagen wie ein Fisch im Wasser. Dies war ihr Element.
Wieder ein Brüllen, wieder drei Feuerstöße, die nächste Wand. Irina zog ihre Pistole, ließ das Magazin aus der Maschinenpistole fallen und lud mit einer Hand das nächste, während sie mit der anderen die Pistole hielt. Dann steckte sie die Pistole zurück ins Halfter und nahm die MP wieder in beide Hände. Alles sauber und einfach. Und bar jeder ethischen Überlegung. Später würde sich Irina in einer ruhigen Minute fragen, ob das ganze für sie schwieriger geworden wäre, hätte sie gegen Menschen kämpfen müssen. Ob sie es sich selbst eingestand oder nicht: Die Antwort lautete faktisch nein.
Sie fiel zurück in Muster und Methoden aus ihrer Zeit in Grozny. Es war ein bisschen wie Fahrradfahren: Man verlernte es nie wirklich. Nur das Gefühl war jetzt intensiver. Sie hatte es lange nicht mehr erlebt und erschlug sie nun fast. Eine Achterbahnfahrt war kein angemessener Vergleich, aber es ging in eine ähnliche Richtung. Es war nur wichtig, weiter vorwärts zu gehen. Jede Ruhezeit durfte nur ein paar Sekunden lang sein. Man musste selbst im Fluss bleiben, sich nicht aufhalten lassen. So war man unaufhaltsam, unbesiegbar – wenigstens dachte man das. Viele starben dann in genau so einem Moment. Mit etwas Glück starben sie schnell. Irina hatte bislang noch mehr Glück gehabt und hatte es auch jetzt wieder.
Als sie losgezogen war, einen Rucksack mit Munition und Molotow-Coktails auf dem Rücken, den Stahlhelm auf dem Kopf und die Waffen umgebunden, hatte sie beileibe nicht gewusst, wie groß die Erfolgsaussichten für ihr Vorhaben waren. Jetzt interessierte es sie auch schlicht nicht mehr. Die ganze Grausamkeit verlor sich in einem surrealen Dahinflimmern der Wirklichkeit. Ihr Gehirn wurde ertränkt von Eindrücken, sie schwamm einfach vor sich hin. Aber energisch. Mit dem Tunnelblick eines Sportlers, der die Bestzeit vor Augen hat.
Nach ein paar weiteren Straßen wusste sie nicht mehr, wo sie war. Es spielte auch keine wirkliche Rolle. Sie musste nur grob die richtige Richtung einhalten und sehen, wie weit sie kam. Sie achtete auch nicht mehr wirklich auf die eigentlichen Ziele, nahm nur noch Schemen war, auf die sie feuerte. Wieder ein roter Schleier, dann sofort die Suche nach dem nächsten Ziel. Die alte Irina verschmolz mit der jüngeren, der Söldnerkommandantin, die eiskalt durch die Straßen fegte und zielgenau alle Feinde niedermähte.
Sie hatte zwischendurch immer wieder die Sorge gehabt, sie wäre durch die friedliche Zeit der vergangenen Jahre zu weich geworden. Sie war es nicht. Wenn sie die bewusste Wahl gehabt hätte, einen einzelnen Menschen in einem ruhigen Moment zu erschießen oder nicht, hätte sie nun möglicherweise anders geantwortet als damals, aber in der jetzigen Situation war kein bewusster Entscheidungsprozess mehr wesentlich. Ihre erlernten Reflexe, ihr Training, ihr Talent, ihre Fähigkeiten bestimmten nun den Ablauf der Dinge. Sie lief ein Programm ab und das mit Bravour.
Noch ein paar Straßen weiter …
Zu den Schemen ihrer Feinde glaubte sie jetzt auch, die Schemen ihrer Freunde, ihrer Umgebenen von damals hinter sich zu haben. Die vielen Menschen – meist Männer – die unter und mit ihr Söldner gewesen waren, meist nur für wenige Monate, manchmal für ein paar Jahre. Man lernte die wenigsten von ihnen gut kennen. Man gewöhnte sich auf seltsame Weise aneinander, auch wenn man sich persönlich nicht ausstehen konnte, aber die Beziehung war eine unterschwellige. Man war Waffenbruder und -schwester. Man schoss nicht aufeinander. Selbst im größten Getümmel schoss man nicht aufeinander. Diese Kontrolle behielt man sich. Man kämpfte miteinander und füreinander. Als organische Einheit. Das klappte manchmal besser und manchmal schlechter. Manchmal klappte es perfekt.
Irina sah ihn jetzt verschwommen an der nächsten Ecke stehen und ihr mit der Hand den weiteren Weg anzeigen. Sie nickte verstehend. Seine Lippen formten die Zahlen. Zwei, eins … sie rannten beide weiter und feuerten. Irina rannte im Zickzack hinter ihm her. Nur den Scharfschützen kein zu leichtes Ziel geben. Jeder starb einmal, aber übertreiben musste man es ja nicht.
Sie waren so gut wie am Ziel. Vielleicht noch ein paar Straßen weiter. Die Geräusche waren jetzt unerträglich laut. Das Laufen fiel schwer. Überall waren Krater im Boden. Autos lagen teilweise quer. Auch die Sicht verschlechterte sich. Es war dunkel geworden und die Straßenlaternen funktionierten nur schlecht oder gar nicht mehr. Irinas Atem folgte dem Takt ihrer Schritte. Schnell, aber regelmäßig. Nur nicht hyperventilieren. Und nicht auf die Schmerzen achten.
Sie zwang sich, die Hände nicht von der Waffe zu nehmen. Die Haut fühlte sich grauenhaft an. Sie trug Handschuhe, um wegen des Schweißes nicht vom Metall der MP abzurutschen, aber der Stoff war nun auch schon völlig durchnässt und reizte ihre Haut. Immer wieder rieb er darüber. Ähnlich war es mit ihrer Hose und ihrem Unterhemd. An ihre Füße dachte sie gar nicht.
Ein weiteres Ziel rückte in ihr Blickfeld und lenkte sie von den vielen kleinen Stichen ab, die ihr Körper aushielt. Sie zog ihren Kopf ein, riss die Waffe hoch, blieb kurz stehen und feuerte. Die Kugeln rasten durch die Luft und zerfetzten die Haut. Sie registrierte den Treffer nicht einmal sondern war schon weiter gerannt. Egal ob sie getroffen hatte oder nicht: Eine zweite Chance hatte sie ohnehin nicht. Immer in Bewegung bleiben. Immer weiter vorwärts.
Sie hechtete wieder in Deckung und suchte instinktiv mit dem Blick nach ihn. Er war ein paar Meter weiter und feuerte aus der Deckung auf das nächste Ziel. Ohne die Lage weiter abzusprechen beugte sie sich um die Ecke, an der sie stand und eröffnete selbst das Feuer. Er erkannte das Signal und rannte weiter, während sie ihm den Feind vom Leib hielt. Sie wartete, bis er sich hinter einem weiteren Auto in Sicherheit gebracht hatte, dann folgte sie ihm und rückte weiter vor. Sie rannte, bückte sich, um den Schüssen auszuweichen und … blieb auf einer Kreuzung stehen.
Irgendetwas war jetzt anders. Es war nicht still geworden, aber die Geräuschkulisse hatte sich geändert. Es war jetzt chaotischer, ungeordneter. Panisch. Irina blinzelte. Er war verschwunden. Sie erinnerte sich dunkel, dass es einen Grund dafür gab, dass er verschwunden war, konnte aber nicht mehr ausmachen, warum. Langsam stellte sich das Bild wieder klar. Die Konturen wurden wieder klar. Sie fing wieder an zu denken. Ihr Grinsen verschwand. Die vielen kleinen Schmerzen kehrten zurück. Ihr Atem beruhigte sich.
Es war Nacht. Dies war Heathland City. Sie stand verloren auf einer Kreuzung.
Und der Krieg war vorbei.
November 27th, 2010 on 01:22
Zach hat endlich wieder jemanden zum betüddeln! Hurra!