VARP Charakterblogs

Endspiel

by on Nov..09, 2010, under Radhiya Ntshoko

Das schlimmste war die Orientierungslosigkeit. Radhiya hatte die Fotos gesehen, die diese Journalistin ihr gegeben hatte, aber dieser Pilzbewuchs hatte alles überzogen. Sie konnte nichts mehr unterscheiden und rannte nur noch blind vorwärts. Ihren Overall hatte sie eingetauscht gegen schwarze Kleidung um möglichst schlecht sichtbar zu sein. Sie wusste nicht einmal, ob diese Tiere Farben sahen oder nicht. Sie vermutete nur.

Es war Nacht. Sie sah kaum mehr als ein paar Meter, weil die Straßenlaternen ebenfalls längst überwuchert waren. Ihre Kleidung war vom Schweiß bereits völlig durchnässt und ihr Gehirn arbeitete nur noch im Takt der Schritte. Sie dachte kaum mehr bewusst. Nur noch in Schritten. Und in Atemzügen. Links, rechts, links, einatmen, rechts, links, rechts, ausatmen …

Motonie hatte sie nie gestört. Das war sie gewöhnt. Die Zeit hier in der Stadt hatte kurz etwas Abwechslung bedeutet aber jetzt fiel sie schlicht in bekannte Muster zurück. Das war nichts schlechtes. Nein, schlimm war der Gestank. Schlimm waren die ständigen Geräusche, die Angst, zerfleischt zu werden, die vage Ahnung, wie viele gerade, jetzt, in diesem Moment starben, und am schlimmsten die Orientierungslosigkeit.

Radhiya warf sich gegen eine Wand. Sie hatte das dumpfe Trappeln der Füße eines dieser wolfsgroßen Insekten gehört, die immer wieder, manchmal in Rudeln, manchmal allein, durch die Straßen hetzten. Bisher war keines der Tiere an ihr vorbei gekommen. Entweder man sah sie nicht als Bedrohung an oder sie war einfach noch nicht so weit gekommen, wie sie hoffte und der Kern des Schwarms war noch meilenweit entfernt.

Sie wartete einige Sekunden bis das Geräusch im allgegenwärtigen Summen des Schwarms untergegangen war. Dann rannte sie weiter. Möglicherweise war sie auch schon etliche Male im Kreis gelaufen. Sie wusste es nicht.

Ihre Schritte trugen sie bis zu einer weiteren Kreuzung, wo sie inne hielt. Etwas stimmte nicht. Der Himmel hatte sich verändert. Der Gestank war intensiver geworden. Der Himmel war jetzt völlig schwarz. Jedenfalls an einer Stelle. Und auch nicht ganz schwarz. Da glänzte etwas. Rund, konvex. Und jetzt bewegte es sich. Es war ein Auge. Ein riesiges Auge, das sie anstarrte.

Radhiya wagte nicht zu atmen. Sie starrte zurück. Ihre Hand tastete in ihre Tasche und erfühlten Metall. Gut.

Das Auge senkte sich langsam und kam ihr näher. Ebenso der riesige schwarze Schemen. Ein riesiger, schwebender Schemen. Das Tier musste ein Ungetüm sein. Sie hielt noch für eine Sekunde die Luft an, dann atmete sie aus, zog die Taschenlampe aus ihrer Hosentasche, hielt sie wie eine Waffe vor sich und schaltete sie ein.

Das Auge starrte ihr noch immer entgegen. Aber um es herum war jetzt auch das Tier sichtbar geworden. Riesige Chitinpanzerplatten unterbrochen von einer ungesund lilafarbenen, fleischigen, aufgedunsenen Haut. Oberhalb des Auges ragten Fühler in die Luft, darunter ragten ihr zwei chitingepanzerte Zangen entgegen, mit denen das Monster wahrscheinlich auch ganze Autos zerquetschen konnte, von einem Menschen in einem schwarzen Kapuzenpullover und entsprechender Jogginghose ganz zu schweigen.

Es bewegte sich weiter auf die zu und öffnete die Zangen. Radhiya ließ die Taschenlampe zu Boden fallen, rannte aber nicht weg. Sie schloss die Augen, ging in die Knie, legte ihre Hände auf ihre Oberschenkel, neigte den Kopf etwas nach vorn und atmete tief ein. Und dann wieder aus.

Es ist wie das Zähmen deiner Angst vor einer Spinne.“ dachte sie.

Du trägst sie auf deiner Hand. Sie krabbelt. Du spürst es, wie sich ihre Beine bewegen. Es kribbelt auf der Haut. Du spürst den Ekel in dir hoch steigen. Den Ekel vor den haarigen, langen, vielen Beinen. Den Ekel vor den vielen kleinen Augen. Den Ekel vor dem ganzen etwas auf dir. Du denkst, dass es dich beschmutzt. Aber du musst lernen, dass es ein Lebewesen ist wie du. Und du lernst es. Nicht beim ersten mal. Nicht beim zweiten mal. Irgendwann aber gewöhnst du dich an das Kribbeln. Du kannst ruhig atmen, während die Spinne auf deiner Hand krabbelt. Du spannst dich nicht an, sondern bleibst entspannt. Du ekelst dich nicht mehr. Du kommst ins Gleichgewicht. Irgendwann wagst du es, die Augen zu öffnen und der Spinne beim Krabbeln zuzusehen. Sie ist dir noch immer fremd. Sie ist noch immer ein etwas für dich. Es ist plötzlich irgendwie aufregend. Du bist gespannt wie ein kleines Kind, als du ihr zusiehst. Es ist alles neu. Und dann gewöhnst du dich auch daran, ihr zuzusehen. Sie wird ein Teil deiner Erfahrungswelt, ein Teil deines Lebens, ein Teil von dir. Die Spinne ist jetzt vollkommen normal. Dabei hat sie sich nicht verändert sondern nur du selbst. Sie hat sich für dich verändert. Und ich glaube daran, dass sie das bemerkt. Weil sie ein Lebewesen ist wie du.“

Die Worte flossen durch ihren Geist. Sie bemühte sich, sich für die Worte Zeit zu nehmen. Jedes einzeln zu denken wie beim Lesen eines Buches. Sich Zeit zu lassen, obwohl ein Teil von ihr sich sicher war, gleich zerquetscht zu werden. Aber ein Teil von ihr glaubte auch daran, dass ihr Plan Erfolg haben würde.

Sie öffnete die Augen wieder und spürte, wie ihr Atem sich beschleunigte. Die Zangen des Tieres hatten sich beinahe um sie geschlossen. Das Auge ihr gegenüber war jetzt nur noch wenige Meter entfernt und starrte ihr noch immer entgegen. Sie konnte den Blick nicht abwenden, sich nicht bewegen. Wie gebannt wartete sie. Die Zangen berührten zuerst ihre Kleidung, dann drückten sie sie ein und schnitten langsam durch die Fasern des Stoffes. Der Druck übertrug sich auf ihren Körper. Bald musste die Haut reißen. Sie hob noch einmal die Hände und legte sie an die scharfen Kanten der Zangen, die Augen einmal mehr schließend.

Habe Mitgefühl.“ dachte sie.

Radhiya hatte stets eine besondere Gabe dafür besessen, Empathie zu erzeugen. Menschen miteinander fühlen zu lassen auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen. Das war in all seinen Formen und Farben das Thema ihres Lebens gewesen. Gewesen. Sie dachte jetzt selbst so. Sie war sich sicher, dass dies hier einen Abschluss bildete. Dieses letzte Kunststück. Sie hatte ihr Lbeen mental längst anderen Sphären überantwortet, welche auch immer da kommen mochten. Sie glaubte nicht an einen Gott. Eher schon an eine Seele. Was mit der jedoch nach dem Tod geschah? Sie wusste es nicht. Sie wollte es in diesem Moment auch nicht wissen. Der Tod war etwas, das sie jetzt nur am Rande beschäftigte. Sie hatte beschlossen, sich überraschen zu lassen.

Was sie beschäftigte war, was jetzt, in diesem Moment geschah. Ich krabble auf der Spinne herum.

Dachte sie.

Ihre Fühler streckten sich aus. Sie befühlte die Seele der Spinne, blickte über ihr Netz. Sie sah, was sich alles dort befand. So wunderbar viele andere Lebewesen. So wunderbar viele Formen und Farben, glitzernd schillernd bunt wie die prismatische Lichtzerlegung eines Regenbogens.

Die Seelen aller Lebewesen waren wie Saiten aufgespannt, aufgespannt zu einem Netz. Und Radhiya krabbelte darüber. Ekelte man sich vor ihr? Wie vor der Spinne? Sie hoffte nicht. Sie wollte nichts böses tun. Sie wollte Mitgefühl zeigen und Mitgefühl empfangen. Sie wollte verstehen und verstanden werden. Nicht über Erklärungen. Über Gefühle. Sie wollte fühlen wie alle anderen. Sie wollte die Schwingungen der Saiten fühlen.

Es schien ihr ein Chaos zu sein. Ein Chaos, das ins Gleichgewicht überführt werden sollte. In ein wunderbares Gleichgewicht, eine wunderbare Harmonie. Alle Saiten in Tönen und Obertönen. Ein einziger, metaphysischer Akkord.

Sie begann zu ordnen. Es war so viel zu tun. Sie wusste gar nicht, wo sie anfangen sollte. Gewöhnt euch an mich, dachte sie. Wie an eine Spinne.

Es gelang nicht recht. Es geriet alles noch mehr in Aufruhr als zuvor. Sie ließ die Saiten los und sah sich wieder um, sah sich um in dem Netz. Und dort, dort war etwas anders. Dort war etwas besonders. Es kam ihr bekannt vor. Es war noch jemand hier, der die Saiten anschlug. Noch ein Harfenspieler der Seelen. Sie kannte ihn. Yue.

Aufgeregt krabbelte sie ihm nach. Er bemerkte sie nicht, spielte weiter, ohne aufzusehen. Wie konnte er sie nicht bemerken? Sein Geist war abwesend, woanders, irgendwo anders auf dem Netz. Oder im Netz?

Sie beobachtete die Arme und Finger des Harfenspielers. Sie bewegten sich rasch. Viel zu schnell für einen Menschen. Dann bemerkte sie die Fäden, an denen die Finger hingen. Eine Marionette war er geworden, der Harfenspieler. Deshalb sah er sie nicht. Radhiya blickte nach oben, blickte nach oben und sah den Weber des Netzes, sah die große Weberspinne. Sie bekämpfte den Ekel, der in ihr Aufstieg, unterdrückte ihn und gewöhnte sich. Sie sah den Bewegungen zu, sah zu, wie sie das Netz sponn und war aufgeregt wie ein kleines Kind. Dort war etwas, das viel größer war als sie. Das viel weiter sah als sie.

Mit ihren Beinen griff sie nach den Fäden, an denen des Harfenspielers Finger hingen. Sie kletterte daran empor. Die Fäden waren so dünn, das sie beinahe unsichtbar waren, doch sie hielten. Sie hielten ihr Gewicht und ließen sie klettern und klettern. Das Netz lag bald weit unter ihr. Sie kletterte weit empor über die Wipfel der Bäume des Urwaldes. Das Licht der Sonne blendete sie, als die Blätter es nicht mehr verdeckten. Sie hatte den riesigen Körper der Spinne jetzt vor sich, ganz dicht vor sich, und kletterte auf ihren Körper. Der massige Leib war unermesslich groß. Radhiya wagte nicht zu schätzen, wie weit die Beine hinaus ragten. Sie krabbelte weiter, weiter Richtung Kopf. Sie bewegte sich mit, bewegte sich mit diesem Riesentier fort, das ihr fremd war so wie sie ihm fremd war. Wahrscheinlich bemerkte es sie gar nicht.

Es schien ihr eine Ewigkeit zu dauern, bis sie endlich das fleischige Gesicht erreicht hatte. Sie drückte die letzten Haare des Tiers beiseite und trat hinaus ins Freie. Sie stand vor glitzernden, obsidianschwarzen Bergen, den Augen der Spinne.

„Das Auge ist der Spiegel der Seele“ lautet ein bekanntes Sprichwort.

Radhiya blickte hinein.

Der große Weber stolperte. Er verstand nicht. Offenbar nicht. Er schüttelte sich. Seine Beine tapsten umher. Das Netz unter seinen Beinen dehnte sich. Dehnte sich in die eine, dann in die andere Richtung. Die Saiten schwangen wie verrückt durcheinander. Alles war in Unruhe. Kein System war mehr zu erkennen. Dann plötzlich schwangen alle Seelen für einen Moment lang gleich. Einen Moment lang hörte Radhiya die großartigste Harmonie, die es gab.

Und dann riss das Netz.

Der Weber stürzte hinab, stürzte hinab in den Urwald. Und Radhiya mit ihm. Sie beide rasten an Blättern und Ästen vorbei, die brachen und sich in den Leib des Webers schlugen. Sie zerstückelten das Fleisch. Radhiya wurde weg gerissen und fiel nun allein, fiel dem Boden des Waldes entgegen, dem dunklen, lichtlosen Boden des Urwaldes der Instinkte. Mit ihr fielen die Saiten des Netzes. Radhiya schrie nicht, sie konnte nicht mehr schreien. Sie wollte nicht mehr schreien. Sie hatte es als Abschluss empfunden und das war es nun. So sollte es sein. Und sie war ruhig. Denn sie hatte den Harfenspieler gesehen. Er war nicht gefallen. Er saß dort oben auf einem Ast. Allein. Die Harfe war zerbrochen. Aber der Spieler lebte noch.

Sie fiel und fiel und schließlich schlug sie auf.

Radhiyas Leichnam lag auf der Erde an der Kreuzung. Sie hatte sich selbst den Kopf an einer Wand aufgeschlagen bis sie starb. Ähnlich war es dem Rest des Schwarms ergangen. Man war übereinander her gefallen, war herum geirrt, hatte sich selbst zugrunde gerichtet. Alle Steuerung war verloren gegangen. Alles endete im Chaos.

Das Summen des Schwarms in Heathland City verstummte. Auch der Pilzbewuchs bildete sich zurück. Die Versorgung mit Nährstoffen durch den Schwarm blieb aus und so starb er ab. Nur noch Schmutz blieb zurück auf den Straßen und Wänden, auf allem. Eine Art Andenken an das, was geschehen war.

Sicher war, dass in dieser Nacht nicht nur Insekten gestorben waren. Was genau jedoch passiert war blieb zumindest für nächste Zeit ein Geheimnis.


1 Comment for this entry

  • Necronius

    Alle Heathland-Spieler sind übrigens herzlich eingeladen, Charaktere in diesem M3g4-3v3n7 teilhaben zu lassen, zu entsorgen oder sonstwas.

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