Zauberei
by Necronius on Juli.15, 2010, under Kurzgeschichten
Als Herr M. um 13:04 Uhr das Bürogebäude verließ, um die seit einer Stunde gehegte Planung einer Mittagspause endlich in die Tat umzusetzen, war das Café natürlich schon überfüllt. Die Plätze waren längst von Managern mit ihren für die Mittagszeit angesetzten Meetings in Beschlag genommen und würden wohl vor 13:30 Uhr nicht mehr freigegeben werden, wenn Herrn M.s Mittagspause bereits endete. Herr M. war immer pünktlich wieder oben im Büro.
Sich nach einer angemessenen Alternative zu seinem gastronomischen Stammbetrieb umsehend, wurde er einer Gruppe Kinder mit ihren Eltern gewahr, die sich auf dem großen Platz um einen Zauberer scharten, der sich wohl gerade anschickte, einen Kartentrick durchzuführen. Mit mäßigem Interesse ging Herr M. vorbei, die Brille auf seiner Nase etwas nach oben schiebend, und besah sich das geschehen.
Ein kleines, braunhaariges Mädchen, das mit offenem Mund andächtig nach oben zu dem Gesicht des Magus aufschaute, das hinter einer weißen Maske verborgen lag, bekam nun einen Stapel Karten in die Hand gedrückt. „Such dir eine aus und merk sie dir. Dann steck sie wieder in den Stapel zurück. Du darfst mir nicht sagen, welche es war. Ich werde es erraten.“ sprach der Zauberkünstler und Herrn M.s Interesse schwand gänzlich. Das erschien ihm doch wenig originell und seine nunmehr noch 24 Minuten Mittagszeit wollte er ja auf sein Essen und die Lektüre des Wall Street Journal verwenden. Er las es immer zum Mittag. Seine Kollegen lasen nicht einmal mehr, aber er war in diesem Bezuge konservativ geblieben.
Herr M. kaufte sich an einem Stand einen Kaffee zum Mitnehmen und zwei Brezeln, um sich dann mit seiner Zeitung auf eine Bank in der Nähe des Springbrunnens zu setzen. Als er sein Mittagessen neben sich abgestellt und die Zeitung aufgeschlagen hatte, bemerkte er aus den Augenwinkeln wieder jenen Zauberer, der nunmehr erläuterte, er werde gleich vor den Augen der Anwesenden sich in Luft auflösen und ganz und gar verschwunden sein. Damit erntete er gemeinhin skeptische Blicke der Kinder und wissendes Lächeln der Eltern. Herr M. sah nun doch wieder über den Rand seiner Zeitung hinweg zu, wie dieser Magier mit seinen Händen herumfuchtelte, vor seinem Gesicht, dann vor seinem Körper, schließlich den Saum seines Umhanges griff, den er über seinem Frack trug, und ihn mit theatralischer Geste vor sich hoch schleuderte, seine Gestalt für den Bruchteil einer Sekunde vor den Zuschauern verbergend. Und als jener Sekundenbruchteil verronnen war, war auch sein Körper tatsächlich nicht mehr zu sehen.
Ein gutmütiges Lächeln huschte Herrn M. über den Kopf, als die Kinder staunend die Münder öffneten und mit einem Kopfschütteln wandte er sich wieder der Analyse des Aktienkurses zu. Es war ihm noch gerade vergönnt, einen kleinen Schluck seines Kaffees zu sich zu nehmen, ehe ihn die Splitterbombe, die offensichtlich im Mülleimer neben ihm verborgen gewesen war, in Stücke riss.
Die Panik auf dem Platz war ganz enorm. Sämtliche Mülltonnen waren plötzlich explodiert und hatten wahllos Menschen in den Tod gerissen. Von oben, diesem Dach, auf dem der Zauberer jetzt stand, sah es ganz faszinierend aus. Ein Kaleidoskop aus Farbe und Schreien, wie sich die winzigen Menschenfiguren auf dem Platz nach außen hin verteilten, sternförmig, dann sich in feine Fäden verwandelten, die in die Gassen um den Platz herum stürmen wollten, wo weitere Sprengsätze die Straßen aufrissen und mit Wänden aus Feuer alles absperrten. Er wartete noch fünzehn Sekunden, bis die Menge ihre Lage erkannt hatte und sprach dann erst. Seine Worte sprachen aus zig Lautsprechern und hallten von den Wänden der Häuser wieder.
„Ich heiße sie willkommen zu diesem Auftritt. Sie werden begeistert sein, dass ich weder Eintritt verlange, noch um Spenden bitten will. Sie werden ganz ohne Bezahlung voll in dieses Showprogramm eingebunden.“
Die Flachbildschirme an den Wänden, die bis vor einigen Sekunden noch Werbung gezeigt hatten, bildeten jetzt einheitlich die Gestalt des Zauberers an der Kante des Daches ab.
„Dieses gesamte Projekt ist ein Zaubertrick. Ich möchte aus jedem von Ihnen einen wirklichen Menschen machen. Seien Sie dabei, spielen Sie mit!“
Wieder gab er der Menge, die nun vorsichtig wieder auf die Mitte des Platzes zu ging, ein paar Sekunden, um sich zu sammeln.
„Noch während meiner Erklärung werden einige meiner Bühnenassistenten sich zu ihnen begeben und Ihnen weiße Masken in die Hand drücken. Ich bitte jeden von Ihnen, diese Maske aufzusetzen. Meine Assistenten tragen Waffen, die im Gegensatz zu meinem Projekt wenig zauberhaft sind. Ich würde mich also freuen, wenn Sie alle hieran Teil nähmen.“
Der Zauberer zählte innerlich die Sekunden. Wieder musste er warten. Aber es dauerte nicht lang. Alle Helfer hatten genaue Anweisungen bekommen. Auch sie trugen weiße Masken und gaben exakt gleich aussehende Exemplare aus. Dazu schütteten sie den Inhalt von Sporttaschen in der Mitte des Platzes zu einem Haufen zusammen: Waffen. Messer, Knüppel, improvisierte Brandbomben, Taser und ähnliches.
„Und nun wünsche ich Ihnen – viel Vergnügen.“ waren seine letzten Worte, ehe er sich verneigte und abermals verschwand, während der Platz in den Dunst der Rauchgranaten eingehüllt wurde.
Beinahe drei Minuten. Es würde maximal noch zwei dauern, bis die Polizei käme. Die Bildschirme erloschen, die Schreie aus der Menge schwollen an. Doch es wurde wieder still. Angespannt still.
Erst als die Polizei auftrat entbrannte das Chaos.
Als man nachher die Vorgänge untersuchte, fand man bei jedem maskierten Toten heraus, das die Maske mit Klebstoff mit dem Gesicht verbunden war und sich von den Maskierten nicht mehr hatte abnehmen lassen. Wer zu den Komplizen des Täters gehört hatte, ließ sich nicht mehr ermitteln. Es waren zu viele gewesen, die sich in blinder Panik zur Wehr gesetzt und massiven Widerstand geleistet hatten, so dass sich die Polizei gezwungen gesehen hatte, scharf zu schießen. Der Platz war ein einziges Chaos und die verlorenen Menschenleben gingen in die hunderte.
Eine der wenigen unverletzten war ein kleines, braunhaariges Mädchen, das man abseits gefunden hatte. In ihren Händen zielt sie zitternd eine Spielkarte, von der sie immer wieder schwor, das sei genau die gewesen, die sie sich ausgesucht hatte.
Juli 16th, 2010 on 15:01
Der Joker lebt!
Juli 16th, 2010 on 17:56
Voll nicht! Der ist ganz anders als der Joker … naja, wenigstens ein bisschen.