Morgenstimmung
by Necronius on Juni.20, 2010, under Shirley Griffith
Es war das konstante Klacken der Absätze ihrer Schuhe, die Shirley über den ersten Satz nachdenken ließen, Takt und Rhythmus vorgaben und die ersten Streichertöne in ihrem Kopf entstehen ließen. Es kam einfach so über sie, ohne ihr Zutun. Sie brauchte kein Klavier dazu. Ihre Finger bewegten sich, als säße sie daran, aber im Grunde brauchte sie es nicht. Es war alles hier, alles da. Das Klavier war jetzt nicht wichtig. Später brauchte sie es, später. Es war die Verwirklichung, aber es war nicht das eigentliche, kreative Wunder, nicht die eigentliche Inspiration.
Das Laternenflackern gab die Violinen vor, sie würden hoch beginnen, würden sanften Klangzauber aus der Ferne durch den Saal gleiten lassen, während die Bässe im Rauschen des näher kommenden Flusses unter der Brücke vor ihr entsprangen. Flüsternd blaues, leises Rauschen, lauter werdend, Klangschaumkronen auf sich tragend. Ein Auto fuhr vorbei und ließ die Bläser motorenröhrend laut erwachen und verstummen, während die Bässe weiter anschwollen, nun unterstützt von den Celli, deren Pizzicatospiel sich subtil ins Muster fügte.
Dann der Einsatz des Flügels, ein fulminanter Lauf, die helle Sirene des Krankenwagens mit den verschobenen Quarten. Die Töne rollten über das Orchester hinweg und leiteten das erste Thema ein, das Shirley leise vor sich hin summte, leicht und flüchtig wie der Windstoß, der ihr Haar über ihr Gesicht streichen ließ und ihre verträumten Augen hinter der Sonnenbrille kurz verdeckte. Der Takt wandelte sich, als sie an der Ampel stehen blieb und das Klacken der Blindenampel den Pauken das Signal gab, deren dumpfe Töne vom Surren der Hörner übertönt wurde, als es auf grün umschlug.
Klangzauberwelten lagen im Knistern des Zeitungspapier, als der Kioskbesitzer posaunengähnend mit dem Xylophon einen Kaffe machte und die Streicher schlürfend trank. Das zweite Thema schrie der Rückwärtsgang des Bläserlieferwagens, dessen Fahrer die Oboen im Motor aufheulen ließ, kurz bevor die Pauken im Fenster zwei Stockwerke höher wieder geöffnet wurden und die Frau mit der Triangel „Wissen Sie, wie früh es ist?!“ rief. Beckenkrachen war die Antwort, Lieferwagenbratschenlärm, noch grad zu hören als der Hund am Morgenspaziergang den Halbschluss bellend den aufziehenden, tiefgrau klingenden Wolken im Contrapunkt entgegen setzte. Es würde ein accelerando geben.
Wäscheständer hauchten leise modulierend Es-Dur in die Harmonie, als das Tempo sportlich joggend kurz vor dem Finale stand. Ein letzter Motorhaubenpaukenschlag, Streicherfrühstücksfernsehzauberklang, wild gewordene Motorradknatterbasslinie, dann babyschreiend der Schlussakkord.
Shirley hielt sich die Ohren zu und ging zum Hotel zurück. Die Stadt war ihr zu laut geworden.