Schlaflied
by Necronius on Juni.04, 2010, under Janis Schumann
Als Herr Alois Kreutzer an diesem Morgen aufgewacht war, hatte er bereits gewusst, dass dieser Tag einer der unangenehmeren sein würde. Es war diese vage Gefühl unterhalb der Rippen, als ziehe sich der Magen etwas zusammen, dieses diffuse Fehlen jeglicher Motivation, das einen gewöhnlich eher an Sonntagnachmittagen befällt; dann, wenn man nichts recht zu tun weiß und der kommende Montag drohend ins eigene Bewusstsein schleicht, Hand in Hand mit der irgendwie doch unangenehmen Erkenntnis, Freizeit vergeudet zu haben. Es ist das Gefühl, das man eigentlich jetzt etwas ganz anderes tun könnte und man nur nicht weiß, was. Vielleicht weiß man es auch und man traut sich nur nicht.
Es war nicht oft, dass dieses Gefühl Herrn Oberstabsarzt Kreutzer packte, nur manchmal, wenn die Wolken sich so zuzogen wie an diesem Morgen und er bei der Einnahme seines Frühstücks, wenn er, wie stets, über den Rand seiner Zeitung nach draußen blickte, daran denken musste, dass es wohl Regen geben würde. Er sagte dann nie etwas und aß weiter als sei nichts, nur eben vielleicht eine Spur langsamer, begleitet von diesem minimalen Zögern, das nur sehr nahe stehende Freunde oder die eigene Ehefrau bemerken, die aber ebenso wenig etwas sagt und höchstens, um eine peinliche Stille zu vermeiden, ein eher belangloses Thema anschneidet und damit die letzten Minuten füllt, bevor Herr Kreutzer das Haus verlässt. Es störte ihn nicht, im Gegenteil, er war seiner Gattin dankbar für derlei kleine Ablenkungen. Dennoch kehrte das Gefühl immer zurück, wenn er gerade die Haustür hinter sich schloss. Der Auslöser, so glaubte er, war das leise, saubere, kaum hörbare Geräusch der Tür, die ins Schloss fiel. Es klang natürlich so wie an jedem anderen Tag, aber der Kontext war ein anderer. In solchen Momenten hatte das Geräusch etwas finales und brachte ihn stets zu einem leisen Seufzen.
Herr Kreutzer war dann zur Arbeit gelaufen wie jeden Morgen und hatte sich bloß, einer spontanen Eingebung folgend, noch zwei Semmeln bei der Bäckerei auf dem Weg gekauft, von denen er nur eine gegessen hatte während die andere nun unangetastet in der weißen Papiertüte auf dem Schreibtisch des Untersuchungszimmers lag, in dem er sich nunmehr befand.
„So, Herr …“ Er machte an dieser Stelle stets eine Pause, um über seine Brille hinweg auf die Karteikarte zu schauen, auf der die Daten der Aufnahme verzeichnet waren. Er hatte sie natürlich bereits gelesen, aber es war eine alte Gewohnheit, immer noch einmal nachzusehen. Es gab eine gewisse Sicherheit und Herr Kreutzer mochte Sicherheit. Den Patienten Sicherheit zu vermitteln sah er als bedeutenden Teil seiner Arbeit. Die Diagnose war bei den Patienten, die hier in die Aufnahme kamen, meist eine Kleinigkeit. Aber nur wenige brachten das nötige Fingerspitzengefühl mit, um mit den Patienten auch richtig umzugehen. Niemals zu nahe kommen wollen aber auch nie kühl und distanziert sein. Immer der freundliche alte Herr. Das war wichtig, egal ob er einen Soldaten behandelte oder einen Zivilisten. In der Krankheit glichen sich die Menschen. Herr Kreutzer hatte das immer als einen irgendwie tröstenden Gedanken empfunden.
„Herr Schumann, ja … Dann erzählen Sie doch mal, wo es zwackt.“ sagte er, als er sich wieder seinem Patienten zuwandte und ihm ein seine Lachfalten betonendes Lächeln schenkte. Herr Kreutzer verstand es, überaus harmlos zu wirken. Es gelang ihm sogar, Kinder zu behandeln und darauf rechnete er sich durchaus etwas an. Selbst wenn die Armee ihn eines Tages wieder ins Feld schicken sollte mochte es nützlich sein, denn die meisten Soldaten waren ja selbst noch halbe Kinder. Ihn störte es freilich nicht. Er hatte die Zeit bei der Armee durchaus angenehm gefunden und erzählte gern davon, wenn sich eine Gelegenheit ergab.
„Es sind diese Bauchschmerzen, wissen Sie? Die lassen mich nicht recht los.“ antwortete Herr Schumann. Herr Kreutzer nickte verständnisvoll.
„Der Bauch ist’s also, ja. Und wie lange haben Sie das bereits, sagen Sie?“
„Sicher zwei Wochen.“
„Zwei ganze Wochen schon? Und wie geht’s Ihrem Magen dabei? Vertragen Sie noch alles oder gibt es da Probleme?“
„Es sind Blähungen dabei. Die sind nicht recht angenehm.“
„Ja, das glaub‘ ich Ihnen.“ sagte Herr Kreutzer und nickte lächelnd. „Aber kein Durchfall oder Erbrechen, ja?“
„Nein, davon nichts. Sonst wär‘ ich eher zu Ihnen gekommen.“
„Besser wär’s dann gewesen, ja, das sehen Sie ganz richtig.“
Herr Kreutzer rollte sich mit seinem Stuhl hinter den Schreibtisch und begann zu notieren. Noch während er hinab blickte fragte er weiter.
„Sagen Sie, haben Sie etwas dagegen, wenn ich einmal ihren Bauch betaste, um mir den Schmerzpunkt genauer anzuschauen?“
„Nein, nein.“
„Das ist gut. Dann machen Sie sich doch einmal bitte oben herum frei.“ sagte er und sah weiter auf den Zettel. Dass er nicht hinsah war zuweilen wichtig und Herr Schumann war etwas beleibter, so dass er wahrscheinlich nicht stolz auf seinen Körperbau war. Und dem einzelnen ist ja meist nicht recht bewusst, dass seine Physiognomie im Vergleich zum Normalmaß gar nicht so unvorteilhaft erscheinen muss, wie er es selber meint – oder sie. Vor allem sie, glaubte Herr Kreutzer zu wissen. Bei Frauen handelte er in solchen Dingen besonders umsichtig. Aber das lag freilich auch an seiner guten Erziehung.
Als er wieder aufsah bemerkte er die erstaunlich muskulösen Arme, die einen deutlichen Kontrast zu dem weiten Bauch und der ausgeprägten Hühnerbrust darstellten. Er verkniff sich aber selbstverständlich, nach der sportlichen Tätigkeit zu fragen. Die Frage hätte leicht falsch verstanden werden können. Stattdessen sagte Herr Schumann etwas.
„Könnten Sie mir wohl mein Zigarettenetui bringen? Es ist in meinem Mantel.“
„Freilich.“ antwortete Herr Kreutzer und rollte sich zu eben jenem Mantel hinüber. Herr Schmann sah aus dem Fenster, während er selbst die Taschen nach dem Etui durchsuchte. Er fand eine Ledertasche und klappte sie auf, woraufhin sein Atem stockte.
Eine Sekunde zögerte er schlicht, ehe er die Tasche sehr, sehr vorsichtig zurück an ihren Platz schob. „Ich finde es nicht, fürchte ich.“ sagte er und sprach dieses kleine bisschen langsamer, das seiner Frau immer auffiel.
„Dann muss ich’s wohl vergessen haben.“ erwiderte Herr Schumann und sah Herrn Kreutzer an. In diesem Moment fiel dem Arzt auch erst der besondere Blick dieses Mannes auf. Er war sehr, sehr wach und sehr, sehr aufmerksam. Ganz außergewöhnlich. Es war diese Art von Aufmerksamkeit, die einen unruhig machte. Die Art von Aufmerksamkeit, die einem Kontrolleure am Flughafen schenkten oder Lehrer bei der Abnahme einer Prüfung. Es brachte Herrn Kreutzer leicht aus der Fassung, trotz seines hohen Alters und trotzdem er ja schon, beileibe, viel gesehen hatte in seinem Leben.
„Ich habe leider auch keine.“ sagte er plötzlich und merkte, dass er ja immernoch bei dem Mantel saß. Er blinzelte einmal, stand auf und ging zum Schrank hinüber, in dem sich die Gummihandschuhe befanden.
„Ist ja nicht schlimm. Ich werd’s wohl auch ohne schaffen.“ sprach Herr Schumann beruhigend und beobachtete ihn weiter. Er glaubte den Blick in seinem Rücken zu spüren, als er sich die Handschuhe über die Finger zog.
„Kann ich Ihnen vielleicht eine Semmel anbieten stattdessen?“ fragte er, einer spontanen Eingebung folgend.
„Oh, danke, gern.“ antwortete der andere scheinbar überrascht und er ging zu seinem Schreibtisch zurück, um die Papiertüte zu nehmen und sie Herrn Schumann zu reichen, der in Ruhe die Semmel auspackte und zu essen begann, während Herr Kreutzer seinen Bauch abtastete. Er war kein sehr ruhiger Esser und schmatzte unüberhörbar, was Herrn Kreutzer nur noch aufgeregter machte. Er konnte es nicht aushalten, wenn Leute schmatzten. Aber jetzt bewahrte er Ruhe, wie es ihm seine Berufserfahrung gebot.
„Ich werde nicht fest drücken.“ sagte er. „Sagen Sie nur einfach, wenn’s etwas mehr weh tut.“
Herr Schumann legte die Semmel beiseite, klopfte Herrn Kreutzer auf die Schulter und beließ die Hand dort. Der Arzt hielt inne und blieb steif stehen. „Tut’s schon nicht, mein guter Freund, machen Sie sich keine Mühe.“ sagte Herr Schumann fröhlich, wenn auch etwas gedämpft. Er leckte die Krümel von seinen Fingern und schob Herrn Kreutzers Hand etwas beiseite, um dann nach seinem Hemd zu greifen und es geduldig wieder anzulegen.
„Es gibt da etwas, das Sie für mich tun können, Alois. Wäre ich Ihnen wirklich sehr dankbar darum.“
Herr Kreutzer sah zu ihm auf und wagte es nicht, zu antworten. Auch nicht, sich weiter zu bewegen, obwohl sein Rücken schmerzte, wie er da so vornübergebeugt stand.
„Sie werden in Ihrer nächsten Nachtschicht einen Patienten bekommen, der ganz üble Verletzungen haben wird. Sie werden ihm Morphium geben um seine Schmerzen zu lindern, aber sonst nicht viel für ihn tun können. Noch in der Nacht wird er dann an seinen Wunden versterben und Sie werden den Tod feststellen und einen sauberen Totenschein ausfüllen. Ein ganz normaler Vorgang für einen erfahrenen Mann wie Sie, will ich doch meinen.“ sprach er und knöpfte das Hemd zu.
„Was … ist dann der Gefallen?“ fragte Herr Kreutzer mit belegter Stimme.
„Nichts weiter.“ antwortete Herr Schumann. „Geben Sie ihm nur gut Morphium, damit er keine Schmerzen hat. Und mir geben Sie am besten ein Mittel gegen die Blähungen.“
Herr Kreutzer schwieg noch lange, nachdem er die Tür hinter Herrn Schumann geschlossen hatte. Seit dem Moment, indem er den Gestapo-Ausweis in seinem Portemonnaie gefunden hatte, war er so nervös gewesen und auch jetzt war er es noch. Seine Augen fielen auf die halb aufgegessene Semmel auf der Behandlungsliege. Sie war der Beleg, dass er das nicht geträumt hatte. Es war wirklich geschehen. Er wusste schon jetzt, dass er niemandem davon erzählen würde. Er wusste auch, dass es für ihn Zeit war, in Pension zu gehen. Nein, er war sich sogar sicher. Sicher spätestens, seit Herr Schumann ihm einen versiegelten Umschlag mit einer Morphium-Ampulle gegeben hatte. Die Dosis war zu hoch. Es war wirklich jener Tag, an dem sich Herr Kreutzer entschied, in den Ruhestand zu treten. Er tat es auch, nur einen Tag nach seiner nächsten Nachtschicht. Zur Begründung führte er an, er sei nun alt. Und außerdem habe er einige sehr üble Tage gehabt.