VARP Charakterblogs

03. März 2040

by on Apr..08, 2010, under Heathland City, Silver Bullet

Es war ein gewöhnlicher Mittwoch. Vielleicht auch Donnerstag. Das spielte sowieso keine Rolle. Nicht hier, wo keiner einen geregelten Tagesablauf zwischen den grauen, teilweise schon halb verfallenen Häusern, deren Wände vom Schimmel zerfressen wurden.

Es war ein verregneter Vormittag und das war die ruhigste Zeit am Tag. Die meisten schliefen noch. Heute war es besonders ruhig, denn am Tag zuvor war der Sieg über eine rivalisierende Gang gefeiert worden und heute schliefen alle ihren Rausch aus. Nicht, dass das ein großer Unterschied zu den anderen Tagen gewesen wäre.

Abgesehen von dem typischen Lärm einer Großstadt war es recht leise. Die Stille wurde hin und wieder durch Schüsse und Klirren durchbrochen. Niemand störte sich daran. Ein kleines Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, schoss im Flur eines Gebäudes, dessen Fenster größtenteils mit Brettern zugenagelt wurden, im Halbdunkel auf leere Bierflaschen, die sie in einer Reihe aufgestellt hatte.

Als ihr das langweilig wurde, sicherte sie die Waffe und ließ sie dann wie ein uninteressant gewordenes Spielzeug auf den Boden fallen. Statt dessen wandte sie sich den Treppen zu und hüpfte diese hinunter, dabei jede zweite Stufe auslassend, sodass der blonde Pferdeschwanz bei jedem Sprung von rechts nach links und wieder zurück schwang. Im Keller war es stockdunkel und Strom gab es hier schon lange keinen mehr, aber das Mädchen hatte keine Angst. Hier war sie zu Hause, hier war sie sicher. Das hatte ihr Bruder gesagt und er und die anderen passten immer auf sie auf. Sie waren ihre Familie. Mit einer Hand strich sie an den kalten, feuchten Wänden entlang und ertastete sich so zielsicher ihren Weg. Dabei heulte und jaulte sie. Das hallte hier im Keller so schön und hörte sich herrlich unheimlich an, wie ein Gespenst. Ihr Bruder hatte das einmal gemacht und ihr riesige Angst eingejagt. Sie hatte geheult wie ein kleines Baby. Aber jetzt war sie ja schon ein großes Mädchen.

Als sie das Ende eines Ganges erreicht hatte, schob sie mit aller Kraft die Riegel einer schweren Tür auf und betrat einen kleinen Kellerraum. Hier drang durch ein vergittertes kleines Fenster ganz oben an der Wand fahles Licht, sodass man eine an die Wand gekettete, in sich zusammengesunkene Person ausmachen konnte. Als sich die Tür öffnete, hob die Frau Mitte zwanzig das blutverkrustete Gesicht und verzog es zu einem Lächeln, das unheimlich wirkte, da ihr die meisten Zähne mittlerweile fehlten. Die gebrochene Nase machte das Bild nicht besser. Ihre Stimme klang heiser und schwach „Hi Ivory. Schön, dich zu sehen.“. Das Mädchen erwiderte das Lächeln und wirkte von dem Bild nicht abgeschreckt. „Hi! Mir ist langweilig, erzählst du mir eine Geschichte?“ Ivory mochte die Frau. Sie war schon fast zwei Wochen hier und redete viel mehr als die meisten. Fast nie waren Gefangene so lange hier. Sie setzte sich an die der Frau gegenüberliegenden Wand, zog die Beine an und schaute die Frau erwartungsvoll aus großen dunkelblauen Augen an. Und die Frau begann zu erzählen. Das Mädchen saß stumm da und hörte zu.

Eine ganze Zeit später öffnete sich die Tür erneut. Ein muskulöser Mann in abgewetzter Lederkleidung und einer Pistole in der Hand stieß sie auf und trat herein. Sie Frau verstummte und sah zu ihm. Er beachtete sie gar nicht, sondern sah zu dem Mädchen, grinste und steckte die Pistole weg, um es mit Leichtigkeit hochzuheben und grinsend einen Kuss auf die Stirn zu geben. „Na, Kleine? Bewachst du die Gefangene?“ Sein Atem roch noch immer nach Alkohol. „Hör mal, dein Bruder sucht dich schon. Geh hoch, damit er sich keine Sorgen machen muss, hm?“ Damit setzte er sie wieder ab. „Und was machst du?“ Die Stimme des Mädchens war ein bisschen besorgt und ihr Blick ruhte auf der Pistole. „Die will mir noch eine Geschichte fertig erzählen, weißt du…“ Der Mann kniete sich hin, um mit dem Mädchen auf gleicher Augenhöhe zu sein. „Ich erzähl dir später ’ne Geschichte, okay? Du weißt doch, dass die nicht ewig hier bleiben kann. Und wenn wir sie laufen lassen, dann erzählt sie bösen Leuten unsere Geheimnisse und dann kommen die hierher. Das willst du doch nicht oder?“ Das Mädchen schüttelte zögernd den Kopf, schob dann die Unterlippe vor. „Aber das ist blöd. Ich mag sie gern. Und wenn ihr weg seid ist es immer so langweilig.“ Der Mann seufzte. „Hey, mach doch nicht so ein Gesicht, Kleine. Wir haben bestimmt bald wieder jemand anderen hier, hm? Der kann dir dann ganz neue Geschichten erzählen. Und wenn du jetzt brav hoch gehst, spiel ich nachher was mit dir, okay?“ Das Mädchen seufzte gedehnt, gab dann aber nach und murmelte ein „Bye“ in Richtung der Frau. Die Stimme der Frau klang zittrig, als sie antwortete „Tschüss, Ivory. Pass auf dich auf.“. Ihre Augen ruhten wie gebannt auf der Pistole.

Noch während Ivory die Tür hinter sich schloss, hörte sie mehrere Schüsse. Sie zuckte nicht einmal zusammen. Bald würde sie die Frau sowieso vergessen haben.


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