Hunde von Riga
by Necronius on Apr..09, 2010, under Janis Schumann
Als der Zug plötzlich zum Stehen kam war es bereits Nacht. Der Schnee vor den Fenstern war kaum sichtbar, weil das Mondlicht nur manchmal durch die dichte Wolkendecke zog und das schwache Licht im Abteil sorgte dafür, dass das verschmierte Fenster fast wie ein Spiegel wirkte. Trotzdem war deutlich, dass draußen Schnee liegen musste, denn die Kälte hatte sich längst durch die Wände des Zuges, durch die Ritzen an Türen und Fenstern ins Zuginnere gefressen und die schwache Heizung kämpfte vergeblich dagegen an. Es war kalt. Der lettische Winter war immer kalt.
Ein blondes Mädchen, vielleicht zwölf Jahre alt, saß Sarah gegenüber und starrte gegen die Scheibe. Sein Mund stand offen, so dass sich der Atem auf der Scheibe niederschlug und die Sicht noch weiter erschwerte. Eine junge Frau neben ihr hatte einen Arm um sie gelegt und schaute besorgt, aber stumm zu ihr hinab. So saßen sie schon seit sicher einer Stunde dort. Nur manchmal benutzte die Frau – wahrscheinlich die Mutter – ihre andere Hand, um das Mädchen zu streicheln oder redete sehr leise mit ihr auf polnisch. Sarah verstand kein Wort, aber die Art wie die Frau redete beruhigte sie irgendwie. Sie wandte sich wieder Richtung Fenster und sah sich selbst in ihr bleiches, von schwarzem, langen Haar umrahmtes Gesicht, aus dem ihre eigenen, müden Augen ihr erschöpft entgegen sahen, überschattet von der großen Kapuze der dicken Winterjacke, die ihr deutlich zu groß war aber wenigstens wärmte. Wie lange war sie nur schon so auf den Beinen? Sie wusste es nicht mehr. Längst nicht mehr.
Wie mechanisch tastete sie mit einer ihrer bleichen, zitternden Hände in ihrer Jackentasche nach ihrem Fahrschein, fand ihn und fuhr mit den Fingern über das Papier. Sie widerstand dem Impuls, ihn hervorzuholen und noch einmal zu inspizieren. Sie hatte das am Bahnhof sicher bereits drei mal getan und das war verdächtig genug gewesen. So fuhr sie nur gedankenverloren die Konturen der eingestanzten Buchstaben nach und glaubte sogar den Stempel der deutschen Reichsbahn ertasten zu können. Fahrkarte für eine Person in der dritten Klasse von Riga bis Talinn, Wagen 21, Abteil 6, Sitz 3, Fensterplatz …
Sie ertappte sich dabei, wie sie die Worte gedankenversunken mit den Lippen formte, blinzelte und sah hinüber zum Spiegelbild des Mädchens. Unwillkürlich musste sie Lächeln, ließ aber auch das gleich wieder bleiben. Sie durfte in keiner Weise auffallen. In keiner Weise.
Neben ihr brummte ihr Sitznachbar im Schlaf und gab ihr so eine Ausrede dafür, sich kurz ihm zuzuwenden und zu schmunzeln. Es war ein freundlicher Mann über sechzig, der ihr die erste Stunde der Fahrt über die ganze Zeit begeistert von seinen Enkeln erzählt hatte und dann eingeschlafen war. Sie hatte ihm lächelnd zugehört, hatte aber selbst nicht viel gesagt und nur das nötigste Preis gegeben. Sie heiße Maria, komme aus Ostpreußen und habe einen Freund in der Wehrmacht, der in Talinn stationiert sei und der ihr auch die Reise bezahlt habe. Das hatte glücklicherweise gereicht.
Natürlich hieß sie nicht Maria. Und wahrscheinlich hieß sie auch nicht Sarah. Aber das wusste sie selbst nicht. In ihrem Ausweis stand Sarah seit sie denken konnte und man hatte sie immer nur so genannt. Auch ihre Schwester hieß Sarah. Ebenso wie ihre Mutter.
„Ich gehe mal den Schaffner fragen, warum der Zug hält.“ sagte ein sechzehnjähriger Junge neben der Frau laut genug, dass es alle hören konnten. Die Frau wandte sich zu ihm um und nickte bloß, während der letzte im Waggon, ein vielleicht dreißigjähriger Mann mit verschlissener Kleidung, der die ganze Zeit zitterte, von der plötzlichen Durchbrechung der Stille erschrak und aufsah. Sarah musterte ihn besorgt. Als er kurz zu ihr hinüber schaute und ihre Blicke sich trafen wandte er sich schnell wieder ab und starrte zu Boden. Seine Hände waren gefaltet und die Bewegung seiner Lippen deutete darauf hin, dass er die ganze Zeit über betete.
Als Sarah sich wieder zu dem Sechzehnjährigen umwandte war er bereits aus dem Abteil verschwunden und hatte die hölzerne Tür zugezogen, durch die nur ein kleines, verschmiertes Fenster den Blick nach draußen erlaubte. Der Vergleich zu einer Gefängniszelle kam ihr in den Sinn, aber sie verscheuchte den Gedanken wieder. Dieser Zug war das genaue Gegenteil einer Gefängniszelle …
Ein schweres Pochen riss sie aus den Gedanken. Es schallte durch den Gang durch die geschlossene Tür herüber und musste sehr eindringlich gewesen sein. Es folgte ein kurzes Gespräch, das sie nicht verstehen konnte. Der Tonfall aber machte sie nervös. Sie wandte ihren Kopf zum Fenster und nagte auf ihrer Unterlippe herum, mit ihren Fingern noch einmal nach dem Fahrschein in ihrer Tasche tastend. Von Riga nach Talinn … Keine 300 Kilometer … Nur von Riga nach Talinn …
Sie spürte, wie sie sich immer weiter anspannte und bemühte sich, wieder ruhig zu werden. Sie zählte ihre Atemzüge und starrte die Scheibe an. Eins, ausatmen, einatmen, zwei, ausatmen …
Wieder das Klopfen, dieses mal näher. Sarah fragte sich, warum es sie überhaupt beunruhigte. Passkontrollen auf offener Strecke waren nicht ungewöhnlich und sie hatte alles dafür vorbereitet. Es würden zwei Beamte der lettischen Polizei herein kommen, die Pässe mit den Gesichtern abgleichen und einige Fragen stellen. Im schlimmsten Fall würden sie das Gepäck kontrollieren.
Das Pochen war an der Nachbarkabine angelangt. Sarah schloss die Augen und versuchte angestrengt, zu verstehen was gesagt wurde. Sie hörte nur Gesprächsfetzen. Zwei Stimmen. Eine männliche, harte Stimme, die knappe, flüssige Fragen stellte. Die andere Stimme war die einer Frau , die in gebrochenem lettisch antwortete. Der Dialog ging so einige Sekunden, dann wurde er von einer dritten Stimme unterbrochen, leiser als die beiden anderen, aber schneidend und nicht mehr auf lettisch. Sie verstand die Sprache nicht, weil die Worte zu leise waren, mit Sicherheit aber war das kein normaler Polizist. Vielleicht ein anderer Fahrgast, der provozierte …
Die Stimmen verstummten und Sarah hörte die Stiefel der Kontrolleure auf dem Gang. Sie kamen näher, hielten. Ihr Blick war jetzt von der Tür gebannt. Eine Sekunde Stille, dann das eindringliche Klopfen an der Tür. Niemand im Abteil regte sich. Wieder war es still, diesmal aber für weniger als eine Sekunde. Die Tür wurde aufgerissen und ein Polizeibeamter stand darin.
„Passkontrolle.“ schnauzte er die Anwesenden an und wandte sich zuerst an den nervösen, jungen Mann, der sofort zusammenzuckte und eilig seinen Pass hervorkramte. Der Polizist sah sich das Dokument in Ruhe an, Sarahs Aufmerksamkeit aber war von etwas anderem in Anspruch genommen. An der Wand des Ganges, der Tür gegenüber, lehnte ein Mann in einem weiten, grauen Wintermantel an der Wand. Auf seinem Kopf saß eine Schirmmütze, so dass das schwache Licht von der Decke sein Gesicht nicht erhellte. Sehr wohl aber sah Sarah das vage Leuchten des silbernen Abzeichens auf der Vorderseite der Mütze: Ein Totenkopf.
Der Polizist sah sich den Pass der Frau und des Mädchens an, ehe er den alten Mann neben Sarah wachrüttelte. Der brummte zwar unwirsch, entschuldigte sich aber sofort, als er die Uniform bemerkte und ließ auch seinen Pass sehen. Der Blick des Polizisten war vernichtend, aber auch diesen Pass gab er anstandslos zurück. Als er schließlich vor Sarah trat und damit weit entfernt von der Tür entfernt war, um Platz für eine weitere Person zu haben trat auch der zweite Mann ein und setzte mit einem gutmütigen Lächeln seine Mütze ab.
Das Gesicht, das zum Vorschein kam war länglich und perfekt rasiert. Die Haare waren braun und ausnehmend sorgfältig zur Seite gescheitelt. Unter dem offenen Mantel war nun ein Teil seiner schwarzen Uniform zu sehen und seine Füße steckten in makellos glänzenden Reitstiefeln. Sein freundlicher Blick fuhr einmal durch das Abteil und musterte alle Anwesenden.
Sarah musste sich sehr anstrengen, nicht die ganze Zeit zu ihm herüberzusehen und ihrren Blick auf den Polizisten zu konzentrieren, der ihren Pass inspizierte. Die fettigen Finger tatschten etwas auf dem Papier und dem Foto herum, fuhren die Zeilen entlang, blätterten schließlich aber doch um. Diesen Test hatte sie bestanden. Ihr Pass wurde zurück gegeben.
Der Blick des anderen war derweil bei ihr angelangt und erschien Sarah plötzlich sehr bedrohlich. Sie spürte, wie sie zu schwitzen begann, als sie ihren Pass wieder einsteckte und mit leiser, fast erstickter Stimme dem Polizisten dankte. Sie glaubte fast zu spüren, wie verdächtig selbst diese einfache Höflichkeitsfloskel jetzt wirken mochte und bereitete sich innerlich schon darauf vor, dass beide gleich ihre Waffen ziehen und sie abführen würden, als der Sechzehnjährige sie erlöste. Er trat in die Tür und musterte die beiden Neuankömmlinge.
„Wer sind Sie denn?“ fragte er.
Der Uniformierte hob die Augenbrauen, wandte sich um und lächelte den Jungen an.
„Ah, da haben wir ja unseren fehlenden sechsten Mann.“ sagte er auf Deutsch. „Ich wunderte mich bereits und hatte schon befürchtet, ich müsste die Damen und Herren noch ein bisschen warten lassen. Es freut mich, dass sich das geklärt hat. Jung ist mein Name, Hauptmann Jung. Freut mich, Sie kennen zu lernen.“
Er reichte dem Jugendlichen die Hand und lächelte. Der packte sie eher zögerlich und schüttelte sie nur kurz, war aber nun offenbar selbst verunsichert.
„Ich bin Sascha … ähm … darf ich mich dann wieder setzen?“
Der Hauptmann lachte und der Polizist schloss sich ihm pflichtschuldig mit einem dümmlichen Grinsen an.
„Aber sicherlich. Das ist doch ein freies Land.“ sagte er und trat zur Seite. „Aber höflich, dass du fragst, Sascha. Trotzdem muss ich noch einmal deinen Pass sehen. Der Kollege hier von der Polizei passt sehr genau auf, dass alles seine Ordnung hat.“
Sascha nickte sofort und gab den Pass heraus. Der Hauptmann nahm ihn mit einem Lächeln im Gesicht und einem kurzen „Danke“ entgegen, befeuchtete sich einen Finger mit der Zunge und blätterte den Pass kurz durch.
„Na, das scheint ja alles seine Ordnung zu haben, was? Danke, Sascha.“ sagte er und gab das Dokument zurück. Der Junge schien seine Zurückhaltung nun zu verlieren und grinste selbst.
„Bitte. Aber du machst hier doch normalerweise keine Grenzkontrollen, oder? Dafür bist du doch zu wichtig.“
Der Polizist hob die Augenbrauen und griff zu seinem Schlagstock, Jung jedoch hielt ihn zurück und lachte.
„Na, jetzt lassen Sie mal Ihre Finger bei sich, guter Mann. Er hat ja Recht.“ sagte er und beugte sich ein wenig zu Sascha herunter. „Weißt du, mein Junge, wir von der SS machen wirklich keine Passkontrollen. Für dich habe ich jetzt bloß eine Ausnahme gemacht. Aber es ist so, dass mit diesem Zug auch ein paar Leute fahren, die wichtig genug sind, dass wir uns selbst darum kümmern. Terroristen und solche Leute. Und wegen sowas bin ich hier.“
Wieder lachte er, richtete sich auf und drehte sich zum gesamten Abteil um. „Aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Wir finden die Person schon. Sie können bald weiterfahren und Ihre Reise ganz normal weiter genießen. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Nacht. Sie sind schließlich nicht im Dienst hier, wie ich. Auf wiedersehen, meine Damen, meine Herren.“
Ein Winken, ein Nicken, dann war der Spuk vorrüber und die Tür wieder fest verschlossen. Die beiden Beamten waren wieder aus Sarahs unmittelbarer Wirklichkeit ausgesperrt. Dennoch entspannte sie sich kaum. Die Hunde waren längst unterwegs und hatten die Spur gerochen. Aber man konnte sie kaum erkannt haben. Andernfalls wäre es leicht gewesen, sie zu verhaften.
Sie entschied sich, sitzen zu bleiben und abzuwarten. Das Klopfen wanderte nach und nach weiter und auch die anderen im Abteil schienen so angespannt zu sein wie sie. Nur der Junge – Sascha – grinste in sich hinein.
„Wen die wohl suchen?“ fragte schließlich der Alte und durchbrach die Stille.
„Wieso, ist das wichtig für uns?“ entgegnete Sascha.
„Ich weiß nicht … solche Terroristen sind doch sicher gefährlich.“
„Die müssten schon selbstmordgefährdet sein, wenn sie jetzt was machen. Der ist bestimmt nicht alleine hier.“
„Hm? Was meinst du?“
„So ein Hauptmann kommt doch nicht alleine. Bestimmt ist der Zug schon längst umstellt. Hier kommen die Terroristen nicht mehr raus.“
Sarah sah ihm mit leerem Blick gedankenverloren entgegen, ehe sie sich dabei ertappte und sich schnell wieder dem Fenster zuwandte. Sie blinzelte einmal verwirrt. Es war plötzlich Tag geworden.
Wagen mit Flugabwehrscheinwerfern waren aufgefahren und tauchten nun gemeinsam plötzlich von einer Sekunde auf die andere die Umgebung des Zuges in gleißend helles Licht. Durch den Schnee stiefelt Soldaten mit Gewehren in grauen Wintermänteln und Stahlhelmen auf dem Kopf. Es tönte kein Laut herein, alles ging leise und routiniert vor sich. Lediglich einen Hund meinte sie bellen zu hören.
Sie wanderte mit dem Kopf näher an die Scheibe und versuchte die Umgebung genauer zu erkennen. In dichten Nebenschwaden zog der Atem der Soldaten durch ihr Sichtfeld, den sie in regelmäßigen Abständen über den Rand des hochgeschlagenen Mantelkragens hinweg ins Freie stießen. Das Licht spiegelte sich auf den polierten Metalloberflächen der Sturmgewehre und gab der ganzen Szene etwas surreales. Die Gesichter der Männer waren nicht zu erkennen. Dann endlich machte sie etwas besonderes aus:
An der Motorhaube eines der schweren Geländewagen lehnte eine Gestalt, gehüllt in einen dunkelbrauen, schweren Ledermantel. Seine Hände waren mit schwarzen Handschuhen geschützt, die eine glimmende Zigarette hielten. Das Gesicht war von einem schwarzen Schal und dem braunen Hut, den er auf dem Kopf trug, fast vollständig verdeckt. Bewaffnet schien er nicht zu sein und auch sonst wirkte es nicht so als interessiere ihn irgendetwas von dem, was hier geschah. Vielleicht wartete er auch auf etwas …
Plötzlich hallte das laute Knattern eines Sturmgewehrs herüber. Sarah wandte den Kopf und konnte das Mündungsfeuer außerhalb des lichtumfluteten Bereichs gerade noch erkennen. Sie suchte mit den Augen die Flugrichtung der Kugeln ab und sah am Rand des Lichtkegels einen reglosen Körper auf dem Boden liegen. Der Oberkörper lag bereits im Dunkeln, so dass sie ihn nicht erkennen konnte, aber vermutlich war es ein Mann gewesen, vielleicht auch ein Junge.
„Jesus …“ flüsterte die Frau im Abteil erstickt und hielt dem Mädchen neben ihr die Augen zu, das darauf nur mit einem unwirschen Murren reagierte. Sarah sah nicht zu ihnen. Ihr Blick war von der leblosen Gestalt gefesselt.
Der Soldat, der geschossen hatte, trat ins Licht und trat an die Leiche heran, deren Blut den Schnee um sie herum langsam rot färbte. Er sah auf den Körper hinab, hockte sich hin und drehte den Körper herum, so dass er das Gesicht sehen konnte.
Sarah sah unwillkürlich zur Seite, wo sich etwas bewegt hatte. Die Gestalt im Ledermantel hatte sich vom Fahrzeug gelöst und schritt im gemächlichen Tempo auf die Leiche zu. Die Zigarette warf sie achtlos in den Schnee neben sich. Sie zog den rechten Handschuh aus, hockte sich ihrerseits neben den Körper ins Dunkel und streckte die Hand aus. Was genau dort vor sich ging war nicht zu sehen. Sarah konnte nur erahnen, dass die Gestalt den Puls fühlte. Sie erhob sich wieder, ging zurück zum Wagen und der Soldat zog die Leiche weg zu einem LKW. Dort wurde ihr Blick wieder abgelenkt.
Die Soldaten waren dabei, die Passagiere eines Waggons in einer Reihe aufzustellen. Der Hauptmann war an ihrer Spitze und sah sich die Reihe mit einem Lächeln im Gesicht an. Die Gestalt im Mantel bewegte sich neben ihn und unterhielt sich anscheinend leise mit ihm. Dafür zog sie den Schal etwas hinab, so dass der ergraute Vollbart sichtbar wurde. Beide schienen sich kaum mehr für die Menschenreihe vor ihnen zu interessieren. Ihre Unterhaltung schien ganz beiläufig. Sie lächelten freundlich, lachten sogar zwischendurch und schließlich zeigte der SS-Mann mit seiner rechten Hand auf Sarah.
Sie stutzte, blinzelte und starrte die beiden Männer an, die jetzt zu ihr hinüber sahen. Sie schienen ihr sogar zuzunicken. Ganz so als wollten sie ihr sagen: Ja, du bist gemeint.
Sarah spürte, wie ihr der Angstschweiß die Stirn hinunter lief. Eine Sekunde zögerte sie, dann erhob sie sich. „Ich muss mal auf Toilette.“ murmelte sie, drängelte sich hinaus und lächelte höflich, als man ihr Platz machte. Sie öffnete die Tür des Abteils und schloss sie schnell wieder hinter sich.
Hektisch sah sie sich auf dem Gang um. Keine Polizei. Nicht einmal der Schaffner. Offenbar hatte sie Glück. Das ganze Personal war wohl mit der Durchsuchung des Nachbarwaggons beschäftigt. Sie atmete einmal tief durch, strich sich die Haare aus dem Gesicht und bewegte sich den Gang entlang. Durch die Scheiben sah sie die Soldaten. Durch die Fenster kam sie nicht heraus. Glücklicherweise war es im Zug dunkler als draußen, so dass die Soldaten sie kaum sehen würden. Höchstens einen Schemen. Trotzdem duckte sie sich und bewegte sich unterhalb der Fenster weiter.
Am Ende des Waggons öffnete sie die Durchgangstür zum nächsten, trat hindurch und schloss sie wieder hinter sich. Schon jetzt machte sich das Fehlen der Heizung bemerkbar. Sie fror erbärmlich und mit jeder Sekunde fraß sich die Kälte weiter in ihre Eingeweide. Ihre Winterjacke half kaum. Noch einmal nahm sie einen tiefen Atemzug, ehe sie aus einer ihrer Taschen ein kleines, ausklappbares Schnitzmesser zog und damit begann, einen Teil des Gummigelenks zwischen den Waggons aufzuschneiden. Denn unter ihr war zum Laufen ein Steg aus Metallplatten angebracht, daneben jedoch brauchte es ein flexibles Material, damit der Zug nicht in den Kurven auseinanderbrach. Hier hatte sie eine Chance, unter den Zug auf die Schienen zu gelangen und auch außerhalb des Flutlichtes zu bleiben. Vielleicht sogar, bis der Zug weiterfuhr. Und dann … ja dann …
Sie wusste selbst nicht, was dann geschehen würde. Sie hatte kaum eine Chance, hier draußen zu überleben und bis Talinn waren es sicherlich noch über einhundert Kilometer. Vielleicht zogen die Soldaten ab, bevor der Zug wieder anfuhr, vielleicht musste sie den Zug auch abfahren lassen und versuchen, bis in ein Dorf zu gelangen. Hier waren Schienen. Irgendwo musste der Zug halten. Sie versuchte sich an die einzelnen Haltestellen zu erinnern, aber es gelang ihr nicht. Es wollte ihr nichts mehr einfallen. Sie blinzelte und verscheuchte die Gedanken, als sie wieder das Knattern eines Sturmgewehrs hörte. Offenbar hatte noch jemand versucht, zu fliehen. Ihre leichenblassen Hände trieben das schon viel zu stumpfe Messer immer wieder in das Gummi hinein und formten kleine Schnitte. Sie musste nur einen Schlitz hinein reißen, der groß genug war, dann käme sie sicher hindurch. Sie musste sich nur ein bisschen zwängen. Dann konnte sie niemand mehr finden. Und schnell musste sie sein, schnell, schnell …
Sie hörte, wie sich Schritte näherten. Die Passagiere wurden offenbar zurück in den Waggon gebracht. Es würde sicher nicht lange dauern, bis sie den nächsten räumten. Sie biss die Zähne zusammen und drückte das Messer mit beiden Händen in das schwarze Gummi hinein, zog es wieder hinaus und sägte nach und nach ein Loch hinein. Sie trat dagegen und versuchte, es so weiter zu öffnen. Tatsächlich strömte kurz eisiger Wind hinein, der sie wie ein Schlag traf, aber als ihr Fuß wieder zurück zuckte schloss sich auch das Loch. Trotzdem musste es genügen. Es musste einfach …
Sie klappte das Messer zittrig zusammen, sah sich noch einmal um und stand dann auf. Mit ihrem Fuß trat sie mit aller Kraft gegen den Schlitz – und ihr Fuß rutschte hindurch. Sie musste sich zurückhalten, nicht vor Schreck und Schmerz aufzuschreien, als ihr Bein zwischen beiden Seiten des sich nach unten biegenden, centimeterdicken Gummis hindurch nach unten auf den Boden senkte, ihr anderes Bein umknickte und sie nur noch halb im Waggon stand. Ihr Bein war von der Kälte und von dem Druck wie gelähmt. Tränen liefen ihre Wangen hinunter als sie unter äußerster Anstrengung das zweite Bein nachzog und es irgendwie auch durch das Loch nach unten beförderte. Als das geschafft war ließ sie sich einfach fallen.
Ihre Kleidung erzeugte ein unangenehmes Quitschen, als sie über das Gummi schabte und sich das Material langsam weiter verformte und aufriss, um sie hindurch zu lassen. Irgendwann aber hatte sie es tatsächlich geschafft. Sie fiel durch das Loch aus dem Zug und wie ein gieriger Schlund schloss es sich über ihr. Sie war auf den Schienen. Ihr ganzer Körper schmerzte, aber sie war tatsächlich auf den Schienen. Das Flutlicht wurde durch die Räder des Zuges auf den Schienen abgehalten und sie selbst saß im kalten Schatten. Der Wind jedoch fegte nach wie vor unter dem Zug hindurch und ließ sie noch weiter frieren. Sie steckte die Hände in ihre Jackentaschen und hockte sich hin, die Kapuze tief in ihr Gesicht ziehend, aber es half kaum. Bald musste sie hier weg oder sie würde über kurz oder lang erfrieren.
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie aus ihrem Waggon alle Passagiere geführt wurden. Sie lauschte mit zusammengepressten Lippen den Gesprächen, aber niemand aus ihrem Abteil schien sie zu verraten. Selbst der Junge nicht, dieser Sascha. Vielleicht hatte sie Glück. Vielleicht.
„Na, das sieht ja nicht so gut aus, was, Hauptmann?“
„Ganz im Gegenteil, sieht glänzend aus. Niemand dabei, den wir suchen. Na dann, meine Damen und Herren, es geht wieder zurück auf Ihre Plätze. Wir bitten, die Verzögerung zu entschuldigen.“
Sarah stutzte. Sie hatten doch bemerken müssen, dass sie fehlte. Durchsuchten sie jetzt nicht den Zug nach ihr? Warum durften die Passagiere schon zurück? Und warum hatte der Hauptmann den Zug vorher durchsucht, wenn sie es jetzt ohnehin noch einmal taten? Riskierte man jetzt nicht, dass irgendetwas versteckt wurde?
Die Fragen schossen ihr durch den Kopf, ohne dass ihr eine Antwort einfiel. Es war alles so surreal geworden. Das bedrohliche Knattern der Maschinengewehre und das Lachen und Scherzen der beiden Männer, das grelle Licht der Scheinwerfer im völligen, schwarzen Dunkel der lettischen Nacht. So viele widersprüchliche Eindrücke, so viele Fragen …
Sie spürte, wie sie seltsamerweise müde wurde. Die Kälte zehrte an ihr und sie wollte sich nur noch irgendwo hin legen, wo es warm war, an nichts mehr denken und friedlich einschlafen. Im Grunde wollte sie nicht einmal mehr aufwachen. Talinn war ihr inzwischen egal, auch was sie danach vor gehabt hatte und was sie vorher getan hatte, damit es nötig geworden war. Ihr war ihre Vergangenheit und ihre Zukunft egal. Die ganze Welt war zusammengeschrumpft auf diesen Flecken Erde in Lettland, auf das schattige, beschützte Reich, ihr Heimatland auf den Schienen unter dem Zug und die bedrohlichen Feinde im Licht ringsum. Sie war der Schattenmensch – und draußen lauerten die Hunde. Die Hunde …
Sarah schreckte hoch. Die Hunde hatte sie beinahe vergessen. Wenn die Soldaten begannen, mit Hunden den Zug abzusuchen, würde man sie sicher finden. Sie sah sich hektisch um, aber sie sah keines der Tiere mehr. Wo waren sie hin? Sie hatte doch zuvor ein Bellen gehört. Irgendwohin mussten sie verschwunden sein. Hatte man sie abbeordert? Aber warum? Die Soldaten mussten doch damit rechnen, dass sich jemand unter dem Zug versteckte. Oder dachten sie, dass jemand bis in den Wald gelangt war, ohne dass sie es wussten? Aber wie sollte das geschehen sein?
Ein flaues Gefühl erfüllte ihren Magen. Irgendetwas lief hier falsch. Es schien fast so, als wolle man es ihr einfach machen. Als wolle man es ihr möglich machen, diese grauenhafte Situation irgenwie zu überstehen. Wer schützte sie hier? Ein gnädiger Gott?
Innerlich musste sie lachen. Sie war doch gar nicht gläubig. Sie hatte das doch vor langer Zeit abgelegt. Warum noch einmal? Sie konnte sich gar nicht mehr richtig erinnern. Und wie gingen noch diese Gebete? Sie hatte ohnehin nichts zu tun. Im Grunde konnte sie auch beten. Wie ging das nur, wie ging das nur?
Ihre Gedanken kamen und gingen, als ihre Augen langsam zu fielen. Das Adrenalin in ihrem Körper, das sie wach gehalten hatte, verflog langsam. Menschen gingen aus den Waggons und gingen wieder hinein. Keine Schüsse mehr, fast völlige Stille. Nur noch leise drangen Stimmen an ihr Ohr. Alles war weit, weit weg. Hier unten war sie beschützt. Es war nur so kalt, so gräßlich kalt.
Sie sah ihren Atem vor Augen. Eine kleine Wolke feinen Wassers, die im eisigen Wind erfror, erfror wie sie selbst. War sie schon tot oder noch nicht? Nein, sie war noch nicht tot. Die Schienen lagen vor ihr, der Zug war über ihr, die Räder neben ihr. Alles war in Ordnung, alles war richtig. Sie lebte, sie würde am Leben bleiben. Ein gnädiger Gott hielt eine schützende Hand über sie.
Ihre Augen schlossen sich, es wurde schwarz, aber nicht gänzlich schwarz. Das schwache Licht der Scheinwerfer drang zu ihr herüber und sie meinte, in dem diffusen Licht etwas zu erkennen. Dann wurde es plötzlich dunkel. Nur etwas schwaches, rötliches sah sie noch, als glimme das Licht auf ihrer Netzhaut nach. Es war … ein Ofen. Ja, ein Ofenloch.
Sie selbst war jetzt in einem Raum, einem Raum aus Beton. Und es waren noch andere bei ihr. Der Hauptmann war hier, und der Mann im Mantel. Und Sascha. Der Hauptmann erklärte ihm gerade, wie man den Ofen bedienen musste, damit alles sauber verbrannte und keine Rückstände blieben. Der Ofen rauschte und brodelte. Aber wo war sie? Sie war in einem Sarg. Der Mann im Mantel und mit dem Schal hielt den Deckel und einen Hammer in der Hand, die Nägel klebten schon zwischen seinen Zähnen. Langsam beugte er sich über sich und der Ofen begann laut zu dröhnen. Regelmäßig so wie eine Dampfmaschine … nein … wie ein Zug.
Wieder schreckte sie auf. Es war wirklich dunkel geworden. Die Fahrzeuge waren verschwunden und über ihr war der Zug verschwunden. Sie lag inzwischen auf den Schienen, zusammengekauert wie ein Embryo, und alle ihre Knochen schienen zu schmerzen – und über sie gebeugt stand wirklich der Mann im Mantel. Sein Schal war heruntergezogen, so dass sie seinen lächelnden Mund sehen konnte.
„Ich hatte gehofft, Sie würden einfach weiterschlafen. Gestatten: Schumann, geheime Staatspolizei.“
Er hatte deutsch gesprochen. Es wurde ihr langsam bewusst. Sie sah sich um. Niemand war mehr hier. Es war nur noch der Mann da. Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwiedern, aber kein Wort drang hervor.
„Machen Sie sich keine Mühe. Sie sind fast erfroren hier unten. Kein Wunder bei dem Wetter und so lange, wie Sie auf den Beinen sind. Sie haben uns ja wirklich ganz schön auf Trab gehalten. Von Hamburg bis hierher ist es ein ganz schönes Stück.“
Der Mann hockte sich neben sie und lächelte noch etwas breiter.
„Freut mich, dass Sie den Kollegen von der Wehrmacht noch entwischt sind. Wissen Sie: Wir müssen es immer bei den Kameraden anmelden, wenn wir so etwas machen wie gerade. So einen Zug hält man nicht einfach so an. Das braucht Logistik. Bei uns Deutschen muss alles seine Ordnung, das kennen Sie ja. Und das ironischerweise um so mehr, desto schneller es gehen muss.“
Er stand wieder auf und seufzte.
„Sie wollten also von Talinn aus mit der Fähre weiter bis nach Russland, hm? Dieser Bombenanschlag hat die Marine ja richtig in Aufruhr versetzt. In Russland hätte man Sie sicher mit offenen Armen empfangen. Und wissen Sie das? An sich wäre mir das sogar egal.“
Der Mann zog eine zerknitterte Zigarettenschachtel aus seiner Manteltasche, steckte sich eine in den Mund und entzündete sie mit einem Sturmfeuerzeug.
„Ich habe nichts dagegen, wenn die Kameraden von der Marine mal lernen, dass Krieg nicht mehr auf die gute, alte Art und Weise funktioniert. Gibt leider immer noch viele, die das nicht verstanden haben. Sie haben das verstanden. Sie haben nur das Unglück, auf der falschen Seite zu stehen. Und da können Sie ja nicht einmal etwas für, schließlich könnten Sie kaum auf unserer stehen, was?“
Er schmunzelte und zog einmal an seiner Zigarette.
„Naja. Aber das dumme ist ja nun mal, dass Sie so etwas ja nicht nur einmal tun. Die Russen würden Sie ja wieder hierhin schicken. Und wenn es dann wieder klappt schon wieder und so weiter. Wenn Sie in Russland bleiben würden, könnten Sie das Land dort ja in Frieden kaputt machen. Aber leider läuft es ja so nicht, sonst müssten wir ja nur alle hinauswerfen, die Ihrem kleinen Volk angehören.“
Nachdenklich sah er nach oben und zog noch einmal an der Zigarette.
„Und wissen Sie, mit der Wehrmacht gibt es ein Problem: Wenn die Sie verhaften werden Sie vor ein ordentliches Gericht gestellt. Sie sorgen dafür, dass unser wunderbarer Staat noch einmal richtig Geld investieren muss, nur um sie dann freisprechen zu müssen, weil man es für das internationale Image des Reiches nicht für sinnvoll hält, jemanden wie Sie öffentlich zum Tod zu verurteilen. Mal ganz davon abgesehen, dass Sie dort noch Jahrzehnte in einer Zelle hocken würden und die Steuergelder dieses Landes aufessen würden. Und seien Sie ehrlich: Für Sie wäre es auch nicht angenehm.“
Er holte ein dünnes Stahlseil aus seiner Tasche und machte sich daran, ihre Hände auf dem Rücken zusammenzubinden und ihre Füße ebenfalls daran festzumachen.
„Und ich bin noch ein Freund, sauberer, kurzfristiger, zeit- und geldsparender Lösungen, wie man Sie in diesem Staat vor 20 Jahren noch pflegte: Ich werde Sie jetzt mit in den nächstbesten Wald nehmen, wo der Schnee nicht so hoch liegt, und sie dort unter einigen liegen gebliebenen Ästen und Zweigen zur letzten Ruhe betten.“
Schweigend arbeitete er weiter und zog das Seil fest. Sarah spürte längst nichts mehr davon. Sie spürte gar nichts mehr. Nur vage hörte sie überhaupt noch die Stimme. Alles war nur noch Schmerz, Enttäuschung. Sie wollte weinen, konnte es aber nicht mehr. Alles hatte irgendwie seine Bedeutung verloren. Die Welt war weiter zusammengeschrumpft. Die Welt war nur noch ein kleiner Funken Schmerz in ihrem Hirn. Die Welt pochte an ihre Bewusstsein. Sie pochte an die Tür und wollte Sarah mitnehmen, mitnehmen auf die Reise ins Nichts.
Der Mann durchsuchte ihre Taschen. Ihren gefälschten Pass hatte er längst gefunden und eingesteckt. Er suchte jedoch weiter, bis er schließlich auch ihren richtigen Ausweis fand.
„Dachte ich mir, dass die Russen das von Ihnen hätten sehen wollen. Ist schon ironisch, dass Sie ein Dokument dafür brauchen, dass Sie hier als Untermensch gesehen wurden.“
Er lachte ein bisschen und warf einen Blick in das Dokument. Sie wusste, was er dort überprüfte. Er interessierte sich nur für den einen, großen Buchstaben hinter allen Angaben. Den einen Buchstaben im Hintergrund. Das große J.
„Wissen Sie: Dieser Beruf ist nicht besonders schön. Sie sehen das sicher auch so. Aber ich denke, dass ihn irgendjemand machen muss. Es ist ein bisschen wie mit Spürhunden. Man muss im gröbsten Dreck herumwühlen, um vielleicht irgendwann einmal etwas zu finden, das eigentlich auch nicht erfreulicher ist. Schließlich wäre es mir auch lieber, Sie wären eine ganz normale Frau. Aber das sind Sie nicht. Sie sind Jüdin. Und wir, meine Dame, wir sind Hunde.“
Er sagte danach nichts mehr. Auf seinen Lippen hatte er ein fröhliches, gesummtes Kinderlied, als er Sarahs Körper in den Wald schleifte, ihr Gesicht achtlos durch den Schnee ziehend. Aber das spürte sie nicht mehr. Ihre Augen hatte sie geschlossen. Die Kälte war zu grauenhaft geworden. Die Welt war verschwunden. Sie war verschwunden. Sie war mit der Welt untergegangen, mit allem guten in der Welt. Sie hatte versucht, etwas gutes aus dieser Welt zu machen. Aber die Menschheit eignete sich offenbar nicht. Die Menschen waren Hunde.
Mai 26th, 2010 on 16:56
Auch wenn ich das wohl nicht sagen muss, Necci, exzellent geschrieben. Alle Achtung, mal wieder. Ich finde, das hier gehört zu deinen besten Stücken, zumindest von dem geringen Teil, den ich bisher gelesen habe.