VARP Charakterblogs

Sand

by on März.16, 2010, under Oskari Nygaardsvold

Der Gestank war atemberaubend im wahrsten Sinne des Wortes. Oskari schloss kurz die Augen und atmete einen Moment durch den Mund, ehe er sich wieder in der Lage fühlte, einen Zug durch die Nase zu nehmen. Urin, Kot, der Geruch von Krankheiten, alles vermischt mit dem sofort ins Flugzeug wehenden Staub, der die Sicht vernebelte und die Augen zum Tränen brachte. Als er sich zu seinem Begleiter – nein, besser: Seinem Lehrer – umsah, erkannte er keine Zeichen der Abschau auf seinem Gesicht. Das bleiche Antlitz wirkte völlig unbeeindruckt, als er seine Hand hob und auf eine Bewegung seines Fingers hin der Sicherheitstrupp aus der Ladeluke rannte, um die Umgebung zu sichern.

Oskari zog ein Tuch hervor und legte es sich vor Mund und Nase. Nur vorsichtig folgte er dem Mentor, als der hinaus trat und kurz in die Sonne blinzelte. Das Dröhnen der Triebwerke des Senkrechtstarters, mit dem sie her gekommen waren, nahm nun langsam ab und der massige Körper wirkte mehr und mehr wie eine riesige, schlafende Bestie aus lackiertem Stahl, die jederzeit erwachen und alles Umgebende verschlingen konnte.
So schienen es auf jeden Fall die Eingeborenen hier zu sehen, die vor die Türen ihrer wackligen Holzhäuser getreten waren und die Ankömmlinge betrachteten, mal neugierig, mal ängstlich, mal rundherum misstrauisch oder sogar feindselig. Ihre Kleidung war von Löchern durchzogen, unter denen oft genug Geschwüre und Ausschläge zu sehen waren. Viele von ihnen waren abgemagert, ebenso vielen waren die Zähne ausgefallen und noch mehr von ihnen hatten schon mit dreißig keine Haare mehr auf dem Kopf. Der stetige Wind lies noch immer den Sand herumtanzen und rieb ihn wie Schmirgelpapier über die Haut, während die sengende Sonne ihr übriges tat.
Oskari wandte endlich den Blick ab und richtete ihn auf einen beleibten Mann mit kleinen, gerade zu in die fleischige Haut versunkenen Augen, der mit seinem Vorgesetzten ein Gespräch führte. Es war zu leise, um etwas zu verstehen, aber seine Aufmerksamkeit war ohnehin von anderen Dingen gefangen: Über dem dicken Kapuzenmantel, der die Haut des Mannes schützte, trug er mehrere Gürtel, an denen verschiedene Waffen angebracht waren. Einige davon einfache Schusswaffen, vor allem aber Messer, gezackt und scharf, an denen zum Teil noch verkrustetes Blut klebte. Er hatte vier Begleiter dabei, die ähnlich martialische Ausrüstung bei sich trugen, und jeder von ihnen hatte zusätzlich einen Trinkschlauch und einen sorgfältig gesäuberten, menschlichen Schädel am Gürtel.
Es fiel Oskari schwer, nicht angeekelt das Gesicht zu verziehen. Vor diesem Außeneinsatz hatte eine kurze Einführung in die Sitten und Gebräuche dieses Staates gestanden, in der auch diese Menschen beschrieben worden waren. Sie waren Gardisten des Fürsten, eines patriarchischen Diktators, der in einer Wüste als Sieger verschiedener Verteilungskämpfe hervorgegangen war und mit einem kleinen Haufen, die einstmals bloß eine bedeutungslose, nomadische Räuberbande gewesen war, schließlich diese Stadt gegründet hatte. Aus seinen Vertrauten hatte er dann seine Garde geformt, die nicht nur die Aufgabe hatte, jeden Widerstand gegen seine Herrschaft niederzuschlagen sondern auch die Zufuhr mit Wasser und anderen lebenswichtigen Gütern sicherte. Das Abzeichen jener Garde war der Kopf eines Menschen, eines Feindes des Fürsten, der bei der Initiation am lebendigen Leibe sauber abgetrennt werden und dann sorgfältig gesäubert werden musste, damit man ihn an den Gürtel hängen konnte, ohne dass er allzu sehr stank. Dies war Teil eines obskuren, aufgesetzten Ehrenkodex dieser Garde, den sich der Fürst aus alten Berichten über antike Feudalherren zusammengeklaubt hatte und zu dem sich jeder in seinen Diensten zu bekennen hatte. Faktisch aber war die Garde eine korrupte Soldatenelite, die tyrannisch über die Stadt herrschte, die im Grunde einen einzigen, riesigen Slum darstellte. Ein verwüstetes Loch, in das man hereingeboren wurde und aus dem man nie wieder herauskam. Man konnte sich nur mit den Verhältnissen arrangieren und vielleicht durch Verschlagenheit und Cleverness ein paar Privilegien erlangen, die das Leben erträglich machten – oder man gelangte zum Orden.
Oskari wurde aus seinen Gedanken gerissen, als ein Mitarbeiter des Sicherheitstrupps ihm ruhig eine Hand auf die Schulter legte und vorwärts deutete. Die Mannschaft hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Sechs Sicherheitsleute des Ordens und die beiden Ärzte, sein Mentor und er selbst, umringt von tausenden Gesichtern, die sie anstarrten. Oskari durchlief ein kalter Schauer und er zog instinktiv die Kapuze seines Mantels über den Kopf und griff nach dem Schlagstock an seinem Gürtel.
Er wusste, dass viele Menschen aus ihrem Elend hier heraus wollten und viele bereit waren, Verzweifelte Dinge dafür zu tun. Man hatte ihm davon erzählt, dass schon häufig Ärzte in Geiselhaft genommen worden waren, um an Bord eines der Flugzeuge zu gelangen. Manchmal war die Erpressung gelungen und man hatte die Geiselnehmer mitgenommen und erst an Bord hatte man eine Möglichkeit gefunden, sie auszuschalten. Hier war sowas aber noch nie passiert. Der Fürst galt als „verlässlicher Partner“, wie man es nannte.
Als sie einige Schritte entfernt waren, erwachten die Triebwerke des Senkrechtstarters wieder und der Transporter hob ab. Er würde oberhalb der Stadt bleiben und dort seine Kreise ziehen, um notfalls schnell eingreifen zu können, wenn die Ärzte woanders bedroht waren. Wieder erschauerte Oskari. Diese ganze Stadt war angespannt. Wahrscheinlich waren es mehrere hunderttausend Menschen und wenn nur einer von Ihnen verzweifelt genug war, konnte ein riesiger Aufstand entstehen.

Je weiter sie in die Stadt kamen, desto mehr Menschen wurden es, die an den Straßen standen. Offenbar hatte man die Ankunftszeit des Ordens geheimgehalten, aber jetzt, da man das Flugzeug gesehen hatte, verbreitete sich die Nachricht schnell. Der dicke Mann, der sie führte, sprach in ein einfaches Funkgerät und wenig später erschienen mehrere Gardisten auf Pferden, die die Eskorte erweiterten. Auch die Straßen wurden jetzt abgesperrt, um die Leute zurückzuhalten. Vereinzelt schlugen die Gardisten mit Knüppeln auf Menschen ein, die ihrer Ansicht nach zu weit vordrangen, manchmal benutzten sie auch direkt Messer, Äxte oder Schwerter und Oskari konnte dann das Blut sehen, das die Kleidung der Ordnungskräfte verschmutzte, während die Schaulustigen sich schreiend und kreischend zurückzogen.
Die meiste Zeit über war es absolut still. Die Gardisten starrten die Leute an, die Leute starrten den Trupp an, der sich dort an ihnen vorbei bewegte. Sie starrten auf die schwarzen Mäntel der beiden Ärzte, auf die Kampfanzüge und Helme der Sicherheitskräfte, deren Gesichter hinter den Visieren verborgen waren, auf die Waffen, auf die kleinen Arztkoffer aus Titan, auf das Zeichen des Ordens auf ihrer Kleidung. Es schien, als seien Außerirdische in ihre Welt eingedrungen. Tatsächlich war der Vergleich nicht einmal absurd. Es waren völlig verschiedene Welten, in denen sie sich bewegten. Die beschützte, elitäre Atmosphäre des Ordens, vollgestopft mit Technik und die archaischen Strukturen dieser Stadt. Diese beiden Welten hatten geradezu nichts miteinander gemein.

Endlich gelangten sie den steinernen Wall, der die Festung des Fürsten von der Stadt abgrenzte. Vor der Mauer lag ein tiefer Graben, übersäht mit menschlichen Knochen. Die kopflosen Leichen aller Delinquenten, die man hingerichtet hatte, wurden von der Mauer hier hinein geworfen und man ließ sie einfach verfaulen. Auch jetzt hing an einigen der Knochen noch Fleisch, das langsam verweste. Trotzdem schien der Gestank hier nicht viel schlimmer zu sein als in der übrigen Stadt. Überall gab es Tod.
Vor ihnen wurde nun eine hölzerne Brücke herunter gelassen, die ins innere der Festung führte. Zwei Reihen bewaffneter Gardisten sicherten das Tor und erst, als der dicke Mann einige Worte mit ihnen gewechselt hatte, traten sie zur Seite und standen Spalier für die Neuankömmlinge, die rasch hinein geschleust wurden, ehe man das Tor wieder hinter ihnen verschloss.
Hier drinnen sah plötzlich alles anders aus. Eine Treppe führte direkt hinter dem Tor nach oben, so dass man beinahe ebenerdig mit den Zinnen der Festungsmauer stand. Kunstvoll verzierte Steinhäuser befanden sich hier, angeordnet um einen riesigen Garten, durch den gepflasterte Wege führten. Zwei ärmlich gekleidete Frauen waren die gesamte Zeit über dabei, den an den Schuhen der umherlaufenden Gardisten und anderen Diener haftenden und vom Wind hereingetragenen Sand wieder vom Pflaster zu fegen, in Eimer zu befördern und über die Mauer der Festung zurück in die Stadt zu kippen. In der Mitte des Platzes stand ein Springbrunnen, dessen Verzierungen vor allem aus nackten Nymphen bestanden. Das Wasser war völlig klar und einige Gardisten standen derb lachend daneben und füllten dort ihre Trinkschläuche nach.
Das prächtigste jedoch auf diesem Platz war ein kirchenartiger Bau, direkt gegenüber des Tores, mit verglasten, riesigen Fenstern, auf denen verschiedene Bildnisse des Fürsten aufgemalt waren. Die großen Flügel der Tür bestanden aus Ebenholz und zeigten ihrerseits den Fürsten, sitzend auf seinem Thron. Dorthin führte sie der beleibte Gardist, der sie empfangen hatte. Ihre übrige Eskorte hatte sich inzwischen wieder verteilt und widmete sich anderen Aufgaben.
Der Gestank war nun völlig verschwunden und war dem Geruch der Blumen gewichen, die dufteten und von einem alten, gebückten Mann mit penibler Genauigkeit gehegt wurden, der stets ein Lächeln auf dem Gesicht trug. Seine Haut war wettergegerbt und so faltig, das er vermutlich bereits lange gelebt hatte, bevor diese Stadt entstanden war. Oskari setzt die Kapuze wieder ab und lies sich ein wenig von der Sonne bescheinen. Hier wirkte das Klima
Doch auch dieser Gedanke verflüchtigte sich rasch, als zwei weitere Bewaffnete die Pforte zum Palast des Fürsten aufstießen. Vor Oskari lag nun ein riesiger Saal, getragen von mehreren Säulen. Das Licht, das durch die bemalten Fenster verfärbt wurde, ergab im inneren ein diffuses Funkeln, das auf dem vielen Silber und Gold glitzerte und strahlte. Es standen Tische herum, an denen Gardisten aßen und tranken, die dabei von jungen Mädchen, deren Kleidung offenbar bewusst knapp gehalten war, bedient wurden. Aber trotz der vielen Menschen hier und der ausgelassenen Stimmung war es relativ leise und Oskari glaubte seine eigenen Schritte wiederhallen zu hören, als sie im freien Mittelgang des Saals auf den Thron am Kopfende zugingen.
Dort nun saß der Fürst, ein vielleicht fünfundfünzigjähriger Mann mit Vollbart, der auf seinem Kopf eine juwelenverzierte Krone trug und in ein Seidengewand gehüllt war. An jedem Finger schimmerte ein Ring und um seinen Hals hingen mehrere, schwere, goldene Ketten. Auf seinem Schoß lag eine silbrig strahlende Maschinenpistole mit Elfenbeingriff. Sein Gesicht war zwar ebenso von Krankheit geprägt wie die übrigen hier, aber sein Haar war noch voll und rot gefärbt und wenn er seinen Mund öffnete schimmerten dort weiße, spitze Raubtierzähne aus Elfenbein hervor, die er sich vom Orden hatte einsetzen lassen.

Die Gespräche der Anwesenden verstummten zwar nicht, als der Orden zum Fürsten vorgetreten und die Pforte wieder geschlossen worden war, aber es legte sich eine Art Anspannung über den Saal. Immer wieder fuhren die Köpfe zu ihnen herum, wurden sogar von den Körpern der Mädchen abgelenkt, die zuvor nur allzu deutlich begafft und betatscht worden waren. Der Fürst erhob sich von seinem Thron, legte seine Waffe mit einem dumpfen Geräusch auf die rechte Armlehne und breitete, breit lächelnd, die Arme aus.

„Willkommen in meinem bescheidenen Heim.“ sagte er und die beiden fast nackten Mädchen, die an den beiden Seiten seines Throns hockten und zuvor an seinen Fingernägeln gefeilt hatten, lachten pflichtbewusst über seinen Humor. Oskaris Mentor hingegen, der vorgetreten war, lächelte lediglich höflich und knapp.
„Ich danke euch für den Empfang. Es ist bereits alles vorbereitet. Wir können die gewünschte Maßnahme sofort durchführen.“
Der Fürst schüttelte den Kopf. „Aber, aber, ihr seid meine Gäste. Ich kann euch doch sicher etwas anbieten. Wasser, Wein, Frauen, oder Knaben, wenn euch das lieber ist.“
Wieder lächelte der Lehrer. „Ich fürchte, das wird nicht möglich sein. Es gibt für uns sehr strenge Vorgaben. Es ist wie bei den Mönchen, wisst ihr?“
„Ach ja, richtig, die Mönche.“ Der Fürst stieg von seinem Thron herab, grinste breit und legte seine fleischigen Finger auf die Schultern des Lehrers, der sein Lächeln stoisch aufrecht erhielt. „Ganz sicher, dass ihr nichts wollt? Ich könnte euch sogar eine von meinen anbieten.“ Er nickte vielsagend auf eine der Frauen neben seinem Thron, die daraufhin in recht eindeutiger Geste ihren Brustkorb vorschob und dem Lehrer zuzwinkerte. Der allerdings wandte seinen Blick keinen Moment lang vom Fürsten ab.
„Ich fürchte, ich bin sicher, ja.“
Der Stadtherr lachte und klopfte dem Mentor noch einmal auf die Schultern, ehe er seine Hände endlich von der Uniform entfernte. „Na gut, man kann die Leute ja nicht zu ihrem Glück zwingen. Also dann, wo ist denn euer Zaubermaschinchen?“
„Es befindet sich im Flugzeug. Ein Transport durch die Stadt hierher ist leider nicht möglich.“
Das Grinsen des Fürsten schwand und er funkelte den Arzt an. „Was heißt hier nicht möglich? Soll ich etwa durch die Stadt gehen und mich dem ganzen Pöbel aussetzen?“
„Es wird sich nicht vermeiden lassen.“ antwortete der Angesprochene und lächelte höflich und entschuldigend. Ein schlichtes Murren war die Reaktion des Fürsten.
„Wie auch immer. Hauptmann!“ Beim letzten Wort wandte er seinen Kopf zu dem Anführer des Trupps, der sie empfangen hatte und rief ihm barsch entgegen. Der Beleibte setzte sich sofort in Bewegung und verneigte sich tief vor seinem Herrn.
„Jawohl, mein Fürst?“ kam es rau und unterwürfig zwischen den aufgequollenen Lippen hervor.
„Nimm dir zwanzig, nein, besser dreißig Männer. Ich will eine Eskorte, wenn wir los gehen. Mit denen gehst du vor das Tor. Nimm dir drei Gefangene und lass sie dort köpfen, damit die Leute wissen, dass wir keinen Spaß verstehen, wenn ich hier raus gehe. Hast du das verstanden?“
„Jawohl.“ antwortete der Hauptmann, dessen Rücken noch immer gebeugt war. Er entfernte sich so rückwärts einige Schritte, ehe er sich wieder aufrichtete und in den Saal schritt, auf einige der dort sitzenden Männer deutend, die sich sofort erhoben und mit ihm gingen. Der Fürst indessen wandte sich wieder an den Lehrer.
„Jetzt werdet ihr trotzdem einen Moment warten müssen, bis die dort fertig sind. Unterhalten wir uns so lange.“ sagte er und setzte sich wieder in seinen Thron. „Wer ist der Junge da?“ Er deutete auf Oskari. „Ist der vielleicht euer Geliebter und ihr wollt ihn nicht betrügen?“ fragte er mit einem Grinsen. Wieder lachten die Frauen an seiner Seite und begannen erneut damit, seine Fingernägel mit Diamantfeilen zu bearbeiten.
Oskari blinzelte, sagte aber nichts. Auf einen Wink des Lehrers trat er lediglich neben ihn und verneigte sich, ehe der Mentor für ihn sprach:
„Er ist mein Schüler und wird als Assistenzarzt der Operation beiwohnen. Er hat bisher hervorragende Leistungen gezeigt.“
„Und ihr wollt also einen Schüler an meinen Körper lassen? Wir ihr meint, aber verschandelt ihn nicht. Es wäre schade um seine zierlichen, kleinen Fingerchen.“
„Die Komplikationswahrscheinlichkeit ist so gering wie sonst auch.“ antwortete der Lehrer lächelnd.
„Will ich hoffen. Und was ist eure Maschine da nun? Ihr seid immer so geheimnisvoll.“
„Es dient lediglich zur Sichtbarmachung des kranken Gewebes. Keinerlei Zauberei.“ Wieder ein Lächeln.
„Könnte man aber meinen, so viel wie das kostet. Ihr habt ja hoffentlich eine Vorstellung davon, wie viele von meinen Arbeitskräften ich opfern muss, um dieses Zeug zu besorgen, auf das ihr so wild seid.“
„Ich fürchte, mich haben dazu keine Zahlen erreicht.“
„Zu schade. Es ist wirklich faszinierend. Die Arbeit für euch lasse ich meist Kinder machen, weil sie flinker sind und behänder. Sie sind nur manchmal zu übermütig und verrecken dann einfach draußen in der Sonne, weil sie nicht daran denken, sich neues Wasser zu holen. Oder weil sie zu wenig haben, um neues Wasser zu bekommen. Dann muss ich sie immer suchen lassen. Sehr ärgerlich.“
Der Fürst beobachtete seinen Gegenüber mit einem abschätzenden, lauernden Blick, als warte er auf irgendein Zeichen.
„Das ist in der Tat bedauerlich, ja.“ antwortete der Arzt schlicht. Oskari blieb stumm und blickte zu Boden. Der Fürst ekelte ihn an. Sein ganzes Erscheinungsbild, die selbstgerechte Dekadenz, mit der er sprach, die arrogante Überheblichkeit. Aber er wusste, dass Herrscher wie er nie lange blieben. Irgendwann würde ein Aufstand kommen und den nächsten Despoten an die Spitze setzen. Vielleicht würde die ganze Stadt auch einfach irgendwann ersticken und untergehen. In hundert Jahren würde niemand mehr etwas von ihm wissen. Aber der Orden würde bleiben.
„Bedauerlich? Kein Mitleid? Ihr habt doch die Stadt gesehen, oder? Mein Reich habt ihr doch gesehen.“ Er breitete wieder seine Arme aus und wischte die Hände der Frauen dabei unwirsch beiseite.
„Ich bin der Fürst! Jede jämmerliche Kreatur hier gehört mir! Ich kann mir vorstellen, wie ihr in eurer Betonfestung darüber denkt. Für wie abscheulich ihr mich haltet dafür, wie ich die Leute hier behandle. Dass ich sie unter meinen Stiefeln zerstampfe wie Dreck, wenn mir danach ist. Aber ihr müsst lernen, dass ihr nicht besser seid. Ihr habt vierhunderttausend Kranke hier. Vierhunderttausend. Ich kann ihnen nicht helfen, ich bin kein Arzt. Aber ihr seid es. Und trotzdem behandelt ihr sie nicht. Ihr behandelt mich und richtet eure Waffen gegen alle hier, obwohl sie eure Hilfe bräuchten. Und wisst ihr, warum? Weil ihr gierig seid. Ihr seid gierige Hunde, wie ich einer bin. Ich bin euch nur in einer Sache voraus: Ich bin ehrlich.
Ich weiß wie ihr, dass diese ganze verfluchte Stadt ein Dreckloch ist und kein Königreich, dass ich kein Fürst bin und diese Anrede elendiges Gehabe ist. Ich könnte mühelos und ohne große Einbußen meines persönlichen Wohlstandes Menschen Nahrung geben, ein gefeierter Führer dieses Volkes sein. Aber ich tue es nicht. Mich verwirrt nur, dass ihr das nicht begreift, wisst ihr? Denn das ist genau das, was ihr ebenso tut. Ihr könntet wahrscheinlich sogar Millionen von Menschen heilen, wenn ihr nur wolltet, aber ihr tut es nicht. Aber ihr seid offenbar nicht fähig, euch das einzugestehen, denn ihr vollendet es auch nicht. Ihr behandelt immernoch Arme, ihr tut immernoch so, als wäret ihr die reinen Engelchen des Herrn. Ich bin ehrlich.
Ich kann es sogar ungestraft sein. All diese Männer und Frauen hier hören, was ich sage, und es interessiert sie nicht. Es interessiert sie kein bisschen, denn sie sind meine privilegierte Klasse. Jeder von ihnen empfängt meine Dankbarkeit und es ginge ihnen schlechter ohne mich. Die Menschheit ist ein Rudel räudiger Hunde und ich, ich bin der Leiter dieses Rudels. Vielleicht beißt mir irgendwann ein anderer die Kehle durch, aber bis dahin kann ich tun und lassen, was mir gefällt. Und sollte ich mich dabei schlecht fühlen? Mitnichten, meine Herren, denn es gibt niemanden, der besser ist, als ich. Und deshalb ist dies hier eben doch ein Königreich, deshalb ist dies hier eben doch mein Königreich. Weil ich sage, dass es so ist und alle diese Komödie mitspielen.“
Das Gesicht des Lehrers zeigte keine Regung. Er wartete eine Sekunde, um dem Fürsten die Chance zu geben, weiterzusprechen, und antwortete erst dann sachlich und ruhig: „Es ist zu bedauern, dass ihr diese Meinung habt.“
Der Ansatz einer wütenden Replik des Stadtherrn wurde von einem Gardisten unterbrochen, der hinauftrat und ihm etwas zuflüsterte. Er nickte knapp und scheuchte seinen Soldaten mit einer barschen Handbewegung fort.
„Es ist vorbereitet. Gehen wir.“

Der Rückweg durch die Stadt war noch unheimlicher als der Hinweg. Nicht, weil nun so viele Leute zugeschaut hätten, sondern weil niemand zu schauen schien. Alle Menschen waren verschwunden, die Route flankiert von einem Spalier aus Gardisten. Die Anwohner hatten sogar die Fenster verschlossen. Es wirkte alles plötzlich tot, ausgestorben. Aber dennoch konnte Oskari die Anspannung nicht ganz ablegen. Erst recht nicht, als vor ihnen auf der Straße ein Streifen blutig verschmierter Matsch sichtbar wurde, wo offenbar ein Mensch erschlagen und dann von der Straße weggeschafft worden war. Oskari konnte seinen Blick kaum von diesem Stück matsch abwenden, bis er beinahe gegen eine der schwarz gekleideten Sicherheitskräfte des Ordens stieß, die ihn daraufhin mit sanftem, aber bestimmten Druck der Hand wieder in die Mitte der Eskorte leitete.
Das einzige Geräusch war das der Stiefel auf dem Sand und das leise Summen des Fürsten, der gedankenlos beim Laufen die Ringe an seinen Fingern betrachtete und die Umgebung nicht im mindesten beachtete. Die Maschinenpistole hing nunmehr an seinem Gürtel und glitzerte in der Sonne. Und obwohl er so in Gedanken verloren schien stoppte er den Trupp unvermittelt mit einem Heben seiner Hand und deutete, ohne dorthin zu sehen, auf eine Gasse. Sofort wandten sich die Gardisten am Wand der Straße dorthin und rannten zu einem Fass, hinter dem sich ein Mädchen versteckt hatte, das jetzt wieselgleich zurück huschte und in der Gasse zu verschwinden drohte. Doch ihre Häscher waren bedeutend schneller als sie und packten sie, bevor sie entkommen konnte. An beiden armen schleiften sie das vielleicht zwölf Jahre alte Kind, das in Lumpen gehüllt war und dessen verfilzte, fettige, lange Haare fast gänzlich das Gesicht bedeckten, auf die Straße und warfen es vor dem Trupp auf den Boden.
Der Fürst trat vor, hockte sich hin und rümpfte die Nase.
„Hebt ihren Kopf an.“ sagte er und die Soldaten überstreckten den Kopf des Mädchens, so dass es aus den Augenwinkeln über sich das harte Gesicht des Herrn sehen konnte.
„Warst du neugierig?“ fragte er sanft, aber bedrohlich. Das Mädchen versuchte zu nicken, konnte sich aber im schraubstockartigen Griff der Gardisten kaum bewegen und brachte nur einen erstickten Schmerzenslaut hervor.
„Nun hast du mich gesehen, mein Kind. Bist du beeindruckt?“
Wieder versuchte es zu nicken und zu antworten, aber die Männer hielten ihr den Mund zu.
„Nun, da dir das Bild gefällt, wollen wir es für immer in deinem Kopf aufbewahren.“ sagte er und erhob sich. „Stecht ihr die Augen aus. Danach lasst sie laufen. Sie soll allen erzählen, wie gnädig ich bin.“
Die Männer schleiften das Kind wieder von der Straße und grinsten, als sie zu schreien versuchte, es ihr aber nicht gelang. Oskari sah in ihre Hilfe suchenden, verzweifelt umher kullernden Augen, die auch ihm kurz entgegen sahen. Er sah sich nicht in der Lage, irgendetwas zu tun. Sein Blick war ausdruckslos, sachlich, teilnahmslos. Er ertappte sich zwar dabei, Mitleid zu empfinden, aber es war ihm alles zu schnell gegangen. Er würde schweigen. Vielleicht etwas mehr als sonst, aber nicht auffällig viel. Er würde seine Arbeit tun, am Abend vielleicht noch einmal an das Mädchen denken und ein leises Schuldgefühl empfinden, aber irgendwann würde er das Kind wieder vergessen. Einfach so. Es gelang ihm nicht einmal, darüber wirklich traurig zu sein.
Der Trupp ging weiter, als sei nichts gewesen. Nur der Fürst summte jetzt nicht mehr, sondern pfiff sogar eine fröhliche Melodie, die jedoch bald von den Triebwerken des Flugzeugs übertönt wurde, dass sich auf dem Platz vor ihnen auf den Boden senkte und dessen Ladeluke sich öffnete. Die Gardisten umstellten den Platz und machten den Weg frei für ihren Herren und die Mitglieder des Ordens, der nur von seinem Hauptmann und zweien seiner Männer begleitet das Schiff betrat. Danach schloss sich die Luke wieder hinter ihnen.

Als Oskari so wieder in das kleine, abgeschottete Reich des Ordens gelang, entspannte er sich beinahe sofort. Von dieser grässlichen Stadt trennten ihn zwar nur einige Centimeter Panzerstahl, doch dies war genug, um ihn die Umgebung vergessen zu lassen. Er war jetzt wieder zu hause, war wieder umgeben von Technik, steriler Ordnung, Männern des Ordens. Es gab nur noch seine Hand, das Skalpell und den Patienten. Darum hatte er sich zu sorgen. Um nichts sonst. Die Welt war plötzlich wieder einfach. Die Welt war plötzlich wieder richtig. Er war der Arzt und wenn der Patient nackt auf der Liege des Operationssaals lag, so war er genau so wie jeder andere Patient davor. Kein Fürst mehr, kein Armer mehr, kein Herr, kein Knecht. Er war einfach nur Patient und Oskari konnte ihm helfen. So war die Welt und so sollte sie sein. Dafür war er hier. Dafür war er beim Orden.


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