VARP Charakterblogs

Gargoyle I

by on März.14, 2010, under Zaina

Man stelle sich einen malerischen Sonnenaufgang über der afrikanischen Steppe vor. Das Gras wiegt sich sanft im Wind, ein paar schlanke Gazellen tapsen umher, schauen in die Kamera, in der Ferne vielleicht noch eine Gruppe Elefanten, die majestätisch am Horizont entlang zieht, auf der Suche nach der nächsten Wasserquelle. Das ist Afrika, denken wir uns, und seufzen vor Fernweh. Man könnte ja doch einmal dorthin fahren.
Ich bin dorthin gefahren. Dies ist die Geschichte dieser Reise und die Geschichte eines Mädchens, das das Privileg besitzt, dauerhaft dort zu sein.

Es ist morgens um halb fünf als wir aufstehen. Ich will mich aufrichten, aber das Mädchen an meiner Seite hält mich zurück. Sie lauscht einige Sekunden, ehe sie schließlich nickt und wir beide aufstehen. Es ist nur ein kurzer oment des Zögerns, aber ein Symptom einer Krankheit, an der dieses Mädchen und hunderttausende Menschen in diesem Land leiden. Diese Krankheit heißt Krieg.
Sie ist gerade einmal dreizehn Jahre alt und ich könnte sie vielleicht hübsch finden, wären ihre Haare nicht gänzlich abgeschnitten und auf ihrer Kopfhaut ein Totenkopf als Tätowierung eingeritzt, dessen Fratze mich jedes mal entgegen starrt, wenn ich hinter ihr her laufe. Jetzt gerade, nach diesen Sekunden der Stelle, wirkt sie lebhaft und fröhlich, ganz wie die anderen Kinder hier, die mit ihr die Hütte nach draußen verlassen, wo der Getthoblaster bereits wieder eingeschaltet wird, um die Worte eines Rappers in die Welt zu schreien, der auf Afrikaans über Vergewaltigungen singt. Als sie mir das erste mal einen der Texte übersetzte, war mir noch unwohl dabei, inzwischen aber bin ich abgestumpft genug, um es als Musik wie jede andere zu verstehen. Die Kinder hingegen tanzen und singen dazu, als seien es fröhliche Kinderlieder.
Außer mir scheint kein Erwachsener hier zu sein, doch der Eindruck täuscht. Es sind nur wenige und sie bleiben meist im Hintergrund, stumm und beobachtend. Meine Versuche, mit ihnen zu sprechen, scheiterten sofort. Die Erwachsenen reden nicht miteinander. Man bekommt Befehle und redet mit den Kindern. Das ist das ganze Geschäft.
Die Stimmung ist wie in einem Ferienlager und so wird sie bleiben. Es gibt Spiele, Raufereien, viel Geschrei, Kinderlachen, kleinere Skandale und Verletzungen, wie es Eltern im Herzen Europas ebenso kennen. Nur das Niveau, auf dem man sich bewegt, ist anders: Die Barbie-Puppe liegt hier neben der Pistole, die Actionfigur neben der Handgranate, Kinder tragen keine Brillen sondern Arm- und Beinprothesen und man streitet sich nicht um Süßigkeiten sondern um Drogen. Und alles eingetaucht in diese Musik, die ich jeden Tag höre, von morgens bis tief in die Nacht.
Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich an den Rhythmus gewöhnt habe, in dem die Kinder hier leben. Frühes Aufstehen, maximal sechs Stunden Schlaf, sofort herumrennen, laute Musik, Sport, Schlägereien, Drogen, Alkohol, Waffen. Sie zielen aus Spaß auf Autoreifen, leere Flaschen, manchmal aber auch Menschen, wenn Gefangene da sind. Sie schießen auf das eine wie auf das andere. Für sie macht es keinen Unterschied mehr. Skrupel kennen sie nicht mehr, ebenso keine Angst. Ihr Leben ist das Reiten auf einer Welle von Adrenalin und künstlichen Endorphinen, gekaufter Freude. Nur manchmal, abends oder nachts, wenn der Tag nicht ganz so hart war wie sonst und sie nicht sofort einschläft, höre ich das Mädchen an meiner Seite. Manchmal weint sie, manchmal flüstert sie leise die Namen ihrer Eltern, manchmal ihren eigenen. Manchmal liegt sie einfach nur da und atmet flach, als wolle sie nicht, dass irgendjemand sie bemerkt. Und jeden Morgen diese wenigen Sekunden, die sie zögert. Dann glaube ich zu spüren, wie dieses Mädchen wirklich ist und sein könnte. Dann glaube ich zu spüren, was man diesem Mädchen wirklich genommen hat, in dem es hier ist.
Wer hat ihr die Kindheit weg genommen? Wer hat ihr eine Waffe in die Hand gedrückt?
Die erwachsenen Aufseher hier? Eine der Kriegsparteien? Die Gesellschaft?
Ich habe Zweifel. Damals, in dieser Hütte in Afrika, fasste mich der Gedanke, dass die Kette aus Waffen- und Drogenlieferungen, Geldströmen, korrupten Beamten und Militärs irgendwo einen Anfang haben müsste. Ich habe mir vorgenommen, eine Reise vorzunehmen. Eine Reise zu diesem Anfangspunkt.
Und dies ist die Geschichte dieser Reise.


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