VARP Charakterblogs

Intro

by on Feb..27, 2010, under Kurzgeschichten

Sie waren in ein Schloss gebracht worden. Eine andere Bezeichnung sprach den Ausmaßen der Eingangshalle, in der sie jetzt standen, Hohn. Hinter ihnen lagen majestätisch die zwei innen mit schwerer Eiche ausgekleideten Türflügel, vor ihnen ein Saal aus Marmor, gehalten von alten, griechischen Säulen. In der Mitte der ovalen Halle lag ein breiter, persischer Teppich mit kunstvoller Schlachtenornamentik in deren Mitte sich ein Feldherr, von der Sonne angestrahlt, auf seinem Pferd gegen den anrennenden Feind erhob.

An der Wand zog sich auf beiden Seiten des Raums jeweils eine Treppe, der Kurve der Wand folgend, nach oben, wo sie sich dann in der Mitte, gegenüber des Eingangsportals, durch das sie gekommen waren, trafen und so ingesamt eine Art Halbkreis formten. An der Spitze dieser Treppenkonstruktion befand sich eine weitere Tür, die verschlossen war. Gegenüber des Eingangsportals an der Seite der Treppe hing ein großer, flacher Bildschirm, der mattgrau im völligen Kontrast zu der altmodischen Einrichtung stand, ähnlich wie die an der Wand befindlichen Glasscheiben, die mal dieses, mal jenes Porträt einer berühmten historischen Persönlichkeit zeigten, angestrahlt von Projektoren, die irgendwo versteckt oberhalb des riesigen Kristallkronleuchters sein mussten.

Alles in allem zeugte die Einrichtung des Raumes nicht unbedingt von Geschmack, wohl aber von Reichtum und einem gewissen Grad an Exzentrizität.

„Ein Innenarchitekt …“ sagte der etwa dreißigjährige, athletische junge Mann mit weißer Haut und schwarzen Haaren, der nun in einem schlichten, schwarzen Rollkragenpullover und einer ebenso schlichten, schwarzen Hose sowie schwarzen, hier aber vermutlich ziemlich teuren Sportschuhen durch die Tür am Kopf der Treppe trat. „Ein Innenarchitekt hätte für diese Einrichtung vermutlich nicht viel übrig. Ich hoffe aber, dass Sie alle in der Lage sind, darüber hinweg zu sehen.“

Das Lächeln, das er auf seine Worte folgen ließ war gewinnend und souverän, selbstbewusst bis an die Grenze der Arroganz, aber nicht darüber hinaus. Es war das Lächeln einer Person, die – vermutlich nicht ohne Berechtigung – ein derart großes Ego besaß, das sie sich nicht einmal mehr dazu herabließ, es allzu sehr zu zeigen. Er schritt in gemäßigtem Tempo die Treppe hinab, als er weitersprach und auf ein geradezu theatralisch überzeichnetes Fingerschnipsen seinerseits der Bildschirm gegenüber des Eingangsportals aufflammte und verschiedene Ausschnitte aus Nachrichtensendungen zeigte – allesamt Berichte über die nun neu Angekommenen.

„Zuerst ein paar Erklärungen für Sie, auf die Sie sicherlich gespannt sind. Nun, wie Sie sehen, habe ich Ihre steile Karriere mit großem Interesse verfolgt. Ihnen wird kaum entgangen sein, dass Ihnen bei diesem märchenhaften Aufstieg mächtige Gönner zur Seite gestanden haben. Verborgen ist Ihnen allerdings wohl geblieben, welche Ziele diese Personen verfolgten.“

Die Bilder wichen einem schlichten, aber einprägsamen Logo in goldener Farbe auf schwarzem Grund, unter dem der Schriftzug „NovaTech“ prangte.

„Sie, verehrte Damen und Herren, sind ein Projekt. Eine Investition. Ein Aktienfond, wenn Sie so wollen. Man hat sehr viel Geld und Zeit in Sie gesteckt. Wenn Sie sich fragen, warum man jetzt so plötzlich von Ihnen Abstand genommen hat, kann ich Ihnen die Frage sehr einfach damit beantworten, dass Sie sich als Geldanlage nicht rentiert haben.“

Er trat von der letzten Stufe der Treppe auf den Boden, lächelte den Anwesenden noch einmal zu und wandte sich dann zum Bildschirm, der jetzt das Logo verkleinert zeigte und davon abgehend einige Pfeile zu anderen Logos und Schriftzügen.

„Es existierte eine weit verzweigte Kooperation aus verschiedenen Interessengruppen, die als Investoren für dieses Projekt gewirkt haben und nun reihenweise abgesprungen sind. Und wie es sich so mit einer Aktie verhält, deren Kurs dramatisch sinkt: Alle Aktienbesitzer versuchen, zu verkaufen. Der Kursfall wird noch weiter verstärkt und Panik breitet sich aus.“

Mit einer Geste, die eher dazu geeignet erschien, kleine Kinder zu erschrecken, drehte er sich zu ihnen um, senkte die Hände wieder und ließ ein Grinsen über sein Gesicht huschen.

„Wenn Menschen sich in die Ecke gedrängt fühlen und Angst haben, entwickeln sie beeindruckende Kräfte. Bedauerlicherweise äußern sich diese Kräfte in den allermeisten Fällen in Gewalt. Diese Gewalt haben in diesem konkreten Falle Sie zu spüren bekommen. Die Regierung dieses wunderschönen Landes sah in Ihnen den Prototyp einer neuen Generation von Soldaten und Polizisten, ein Unternehmen vielleicht eine neue Möglichkeit, Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten, ein Forscher sah das Potenzial kognitiver Steurungsmöglichkeiten – es gibt die verschiedensten Motive für ein Interesse in Ihrem Projekt. Nun, da Sie plötzlich trotz aller Versuche, das Gegenteil zu bewirken, für negative Schlagzeilen gesorgt haben, musste man Sie – wie eine fallende Aktie – los werden. Bei Aktien genügt dafür ein Mausklick, in einem Fall wie dem Ihren bemüht man dafür für gewöhnlich Scharfschützen.“

Der Mann formte nun mit der rechten Hand eine Pistole und tat so, als erschieße er die kleine Gruppe am Eingang. Dann sprach er weiter.

„Nun dürfte sich für Sie die Frage stellen, warum es dann nicht gelungen ist, wenigstens einen geordneten Rückzug aus diesem Projekt hinzubekommen und sie nicht zu liquidieren. Hier komme ich ins Spiel. Wenn wir in der Metapher des Aktienmarktes bleiben wollen könnten Sie mich als Risiko-Investmentbanker bezeichnen: Ich kaufe dann, wenn die Kurse niedrig sind.
Aber ich denke, hier erschöpft sich die Metapher. Denn natürlich leben wir nicht mehr in einer Zeit des Menschenhandels. Ich bin völlig bedingungslos in Vorkasse getreten. Sie haben von diesem Moment an jeder Zeit die Möglichkeit, dieses Haus zu verlassen und zu gehen. Sie brauchen mir nicht zu trauen, mir nicht zuzuhören, mir nicht zu glauben, sich nicht um meine Sympathie zu bemühen. Sie sollten wissen, dass Sie immer eine Wahl haben, egal was Sie tun. Und das schließt auch die Wahl ein, meinen Ausführungen weiter zu folgen:
Ich biete Ihnen an, Sie zu versorgen, solange Sie sich hier aufhalten. Sie können weiterhin Heldentaten vollbringen und stehen dabei unter meinem Schutz. Sie werden die Chance haben, sich zu rehabilitieren, auch wenn Sie jetzt gegen eine öffentliche Medienmeinung arbeiten. Sie werden die Chance haben, ohne Hintermänner zu Ruhm und Ehre zu gelangen oder was Sie sich sonst davon versprechen, Helden zu sein. Sie bekommen Verpflegung, Unterkunft, Schutz, Ausrüstung, wenn Sie wünschen sogar in Grenzen Personal.
Was ich dafür von Ihnen will? Dass Sie einfach so weitermachen wie bisher.
Warum ich das will? Sehen Sie: Selbst ein Mensch wie Jakob Fugger gab ein Vermögen dafür aus, Menschen dazu zu bringen, für ihn zu beten, ohne direkten ökonomischen Nutzen. Für einen weitsichtigen Mann wie ihn waren es jedoch völlig eindeutig Public Relations in seiner Beziehung zu Gott. Verstehen Sie dieses kleine Projekt als eine ähnliche Geste meinerseits.
In diesem Sinne sage ich Ihnen nun: Mein Name ist Julian Kostenko und ich heiße Sie willkommen in meinem Haus.“


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