Grozny IV
by Necronius on Feb..19, 2010, under Irina Iwanowna Taimanow
30. November 1999
Sie waren schon beinahe am Stadtrand, als der Motor erst laut aufheulte und dann erstarb. Irina schloss nur einmal kurz die Augen und griff das schwere Gewehr auf ihrem Schoß. Durch die geschlossenen Augen meinte sie zu sehen, wie die Plane des LKWs beiseite gerissen wurde und das Licht dann wieder für einige Hundertstelsekunden unterbrochen wurde, als die ersten hinausstürmten. Gewehrfeuer. Das zweite mal wurde das durch die Öffnung in der Plane hereindringende Licht durch Aussteigende unterbrochen, dann öffnete sie die Augen endlich wieder und sprang selbst auf.
Das Licht blendete sie ein wenig, aber im Grunde hätte sie genau so gut blind aus dem LKW springen können. Alles ging viel zu schnell vor sich, als dass sie irgendwie bewusst hätte reagieren können. Jeder kannte seinen Posten und rannte instinktiv, das Blut voll Adrenalin dorthin. Die ersten lagen bereits blutüberströmt auf dem Rücken, die toten Hände noch um die Waffen geklammert. Ihre Leiber waren von den Kugeln der Scharfschützen durchbohrt worden.
Endlich zündeten die ersten Rauchgranaten und versperrten den feindlichen Schützen mit ihren schweren Schwaden die Sicht. Irina war längst in Deckung gerannt und sah sich um. Sie hatte sich alles überlegt. Es gab für alles hier einen Plan …
Irgendwo schrie einer ihrer Begleiter und sein Schrei wurde durch das Krachen einer Granate erst unterbrochen, dann gewandelt von Blutrausch erst zu Schock, dann zu Schmerz, bis er schließlich zwischen den Schüssen verhallte. Irina zählte ihre Atemzüge. Zwei, drei, dann rannte sie los in die Gasse, die von der umkämpften Hauptstraße abzweigte. Hier war die Seitentür, die sie suchte.
Sie hob ihr Gewehr und schlug mit dem Gewehrkolben die in die marode Holztür eingelassene Scheibe ein, langte dann mit der Hand hindurch und öffnete sie. Das Geräusch war laut, wurde aber bei weitem vom herüberwehenden Kampfeslärm übertönt. Trotzdem bemühte Irina sich, möglichst leise zu sein, als ihre Kampfstiefel sie über den Betonboden ins Treppenhaus trugen. Erst das Erdgeschoss, dann das erste, schließlich das zweite Stockwerk. Dort fand sie die offene Tür.
Sofort hob Irina wieder den Lauf ihrer Waffe. Jetzt schon konnte sie regelmäßig die einzelnen Schüsse des Schützen knallen hören, der hier an einem der Fenster stehen musste. Sie sah sich im Flur um, bis sie sicher war, die Richtung herausgehört zu haben und atmete einmal tief ein. Die Luft anhaltend rannte sie los, vorbei an dem altmodischen Schrank im Flur, vorbei an den Bildern einer Familie darauf, die entweder geflohen oder erschossen worden war, mit Sicherheit aber nun nicht mehr hier wohnte. Hier wohnte der Krieg und seine Schergen. Die Einschusslöcher in der Tapete waren ebenso Zeuge davon wie das Krachen der Tür, als Irina in die Küche der Wohnung stürmte und den Soldaten am Fenster sah, das Scharfschützengewehr auf die Fensterbank gestützt, selbst auf einem Schemel kniend und das Auge am Fernglas. Eine Sekunde war Ruhe und als spürte er es wandte der Soldat ein wenig seinen Kopf – dann brach das Feuer von Irinas Schnellfeuergewehr über ihn herein.
Sie hatte einen Moment gezögert, bevor die geschossen hatte, aber nicht mehr danach. Sie wusste, das sie nach dem Plan maximal fünf Minuten hatte, vielleicht nur drei. Sie nahm das Magazin aus ihrem Gewehr und lies es einfach fallen. Das Magazin steckte sie ein und nahm ihre Pistole in die Hand. Dann rannte sie wieder los, hinaus aus der Wohnung, die Treppen hinab und wieder durch den Keller und die Seitentür hinaus auf die Gasse, die sie weiterstürmte. Der Plan war durchbrochen und durch ihren eigenen ersetzt. Fünfundzwanzig Jahre lang hatte sie in der Stadt gelebt, von deren Grenze sie jetzt nur noch ein paar hundert Schritte trennten. Nicht mehr. Draußen waren vielleicht Mienen, aber dieses Risiko waren schon andere vor ihr eingegangen. Das wichtige war, dass die Posten jetzt verschwunden waren. Sie waren hinter ihr auf der Straße und kämpften, kämpften sich wie Hunde mit anderen um einen Brocken Fleisch, den man selbst haben wollte und den man lieber zerfetzt sehen wollte als in den Fängen des anderen. Es konnten in Grozny nicht alle überleben und wenn man selbst in diesem Spiel schon nicht gewinnen konnte sollte es wenigstens auch niemand sonst.
All das fuhr Irina durch den Kopf, als sie monoton vorwärts rannte und ihre Seiten höllisch zu schmerzen begannen. Die Reihen der Häuser lichteten sich rasch und brachen dann fast abrupt ab. Ein verrostetes Straßenschild verkündete trotzig den Namen des Ortes, den hier jeder kannte, und hinter ihm zog sich nur noch die von Kratern durchsetzte Straße hinweg in die Ferne. Es wirkte geradezu surreal. Plötzlich erschien die ganze Welt außerhalb der Stadt nah und greifbar, die Flucht schien so einfach, als wäre sie immer schon durchführbar gewesen und man hätte sich nur trauen, nur den Willen aufbringen müssen. Irina war versucht zu lachen, tat es aber nicht. Ihr Atem ging viel zu schnell und auch saß ihr noch immer die Angst in den Knochen, die Angst, dass ihr doch jemand folgte, sie doch jemand zurück riss in diese kleine Hölle, dieses winzige Pünktchen in der weiten Welt, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hatte.
Ihre Schritte führten sie weg von der Straße zur Seite in den Graben, von dem sie sich eine bessere Deckung versprach. Dort rannte sie weiter, verfiel, als die Schmerzen zu stark wurden, ins Laufen und dann rasch ins Gehen. Ihr Atem ging pfeifend und vor ihren Augen tanzten Lichter umher. Ihr Zeitgefühl entglitt ihr langsam, ebenso ihr Gefühl für Entfernung. Sie wusste nicht, wie weit sie schon von Grozny entfernt war und wagte auch nicht, sich umzudrehen. Stur blickte sie nach vorn auf den Boden vor ihren Füßen und ging weiter.
Es war völlig still auf der Straße und nur beiläufig dachte sie noch an die Landminen, die hier überall vergraben lagen und sie jederzeit zerfetzen konnten. Es war einfach zu friedlich, zu ruhig, zu grau überall. Es schien gerade absurd, dass hier irgendetwas erscheinen und sie angreifen könnte. Aber es erschien.
Das Brummen eines sich aus der Ferne nähernden Motors war es, der durch die Stille schnitt und sich in Irinas Gehirn bohrte. Instinktiv hockte sie sich hin und hob ihre Pistole, sich hektisch umsehend. Hier konnte sie niemand gesehen haben. Und doch hielt der Wagen oberhalb von ihr. Sie hörte die sich öffnende Tür, das Knirschen der Kampfstiefel auf dem Asphalt.
Wieso war man ihr mit dem Wagen gefolgt? Hier mussten überall Minen sein. Es war Selbstmord, mit dem Wagen herauszufahren. Wieso war dieser Wagen nicht längst zerstört? Wieso hatte man sie gesehen?
Die Fragen rasten sinnlos durch ihr Bewusstsein und verloren sich wieder, als ihre Instinkte eingriffen und sie die Waffe auf den Ursprungsort des Geräuschs richtete, wo Michail an den Rand der Straße trat und auf sie hinab sah, seine Waffe in der Hand.
„Ich hatte schon befürchtet, dich in Stücke gerissen zu finden.“ sagte er, lächelte und hockte sich hin. Irina antwortete nicht, traute sich nicht zu antworten.
„Willst du wissen, woher ich wusste, dass du hier bist? Ich werde es dir sagen: Direkt vor dir beginnt der Todesstreifen. Er ist unsichtbar, aber ich weiß, wo er ist, glaube mir. Du bist nicht die erste, die versucht, aus Grozny zu verschwinden.“
Irina blinzelte, hielt die Waffe aber weiter auf Michail gerichtet, der sich auf seine Oberschenkel stützte und wieder aufstand.
„Es sind schon welche geflohen, denkst du? Sie sind nicht weit gekommen. Hinter dieser Stelle gibt es nichts mehr. Wenn du glaubst, man kann nur in der Wüste verdursten, täuschst du dich. Dort draußen überlebt niemand. Wenn dich nicht die Minen erledigen, dann vergiftetes Wasser, ein Luftangriff, ein Terrorist, ein Scharfschütze, Artilleriefeuer, sonst irgendetwas. Es gibt eine Regel, die dir vielleicht niemand gesagt hat, die man aber lernen sollte. Gerade jemand wie du sollte sie kennen:
Niemand kommt weg aus Grozny. Niemand.“
Einige Sekunden lang herrschte Schweigen, bis Irina endlich das Wort ergriff:
„Verschwinde. Und lass mir den Wagen da.“
„Du willst den Wagen? Und was willst du damit anfangen? Du glaubst doch nicht, dass die Russen die Straße vergessen haben. Du würdest keine hundert Meter weit kommen. Und wenn du mich erschießt auch nicht. Jeder im Trupp weiß, dass du fliehen wolltest. Sie suchen dich schon. Ich war nur der erste hier.“
„Und warum bist du allein?“
Michails Lächeln erstarb.
„Meinst du, ich habe vor dich zu erschießen? Die Waffe hier ist nur dafür da, damit du nicht gleich abdrückst und ich dir noch erklären kann, was du für Dummheiten gemacht hast. Komm. Steig ein und wir fahren nach hause. Heute ist ein guter Tag. Ich spendiere dir sogar eine Nutte, wenn du willst.“
Irinas Blick war trotzig. Sie behielt auch die Waffe oben und legte nun auf Michails Kopf an.
„Was soll das werden? Glaubst du, du hast eine Chance, den nächsten Tag zu erleben ohne dass ich den Männern erkläre, dass du freiwillig zurück gekommen bist? Und selbst dann wirst du es nicht leicht haben. Ich kann dich schließlich nicht immer beschützen. Und irgendwann in der Nacht …“
Weiter kam Michail nicht. Irina hatte abgedrückt. Die Kugel hatte keine Sekunde gebraucht und Michails Mund war noch immer zum Sprechen geöffnet, als sein Hinterkopf weg gerissen wurde und sein Leichnam in die Knie sank, ehe er zur Seite kippte, die Finger noch um die Pistole gelegt.
Irina senkte die Waffe, stieg nach oben bis auf die Straße und feuerte noch einige Kugeln in die Leiche ab, ehe sie die Pistole endlich wieder einsteckte. Während ihre Hände den schweren, erschlafften Körper zurück zum Wagen schleiften legte sie sich die Worte zu Recht, die sie gleich zu sprechen hatte.
„Warum, glaubt ihr denn, ist er alleine los gefahren?“
Die Leiche wieder in den Sitz, die Waffe zurück in das Holster.
„Was hat er euch gesagt? Dass das nur in einer Schießerei enden würde? Meint ihr, ich bin so viel Wert, dass er riskieren würde zu sterben, damit ich lebe, eh? Vergesst es.“
Die Füße auf die Pedale, das Gewehr aus dem Kofferraum holen.
„Ich sage euch, was passiert ist: Ich habe den Wagen gehört, wie er damit vorbei gefahren ist. Er hat euch gesagt, ich wollte fliehen? Der Wichser wollte selbst abhauen.“
Das Gaspedal einklemmen, zur Seite gehen, warten, bis die Handbremse nicht mehr hält.
„Er ist an mir vorbei gefahren und ist am Ende in einer Mine gelandet. Ich habe noch versucht, ihn rauszuholen, aber er brannte schon.“
Langsam nachgehen. Die Detonation abwarten. Keine Hundert Meter, hatte er gesagt, keine hundert Meter.
„Und was wollt ihr jetzt tun? Mich bestrafen, weil ich eine Verräterin bin? Davon habt ihr nichts. Ich komme hier nicht weg. Das habe ich heute gelernt:“
Das Auto wurde nach oben gerissen, als die Landmine explodierte. Es geriet ins Schleudern, stoppte schließlich und brannte langsam aus. Irina rannte hinzu und sah den verbrennenden Körper an, während Ruß ihr Gesicht zu bedecken begann.
„Niemand kommt weg aus Grozny. Niemand.“