VARP Charakterblogs

Walküre

by on Jan..29, 2010, under Guardians, Kurzgeschichten

18 Stunden, 42 Minuten und 39 Sekunden lang hatte sich nicht das geringste bewegt.

Vom sanften Wind und der Bewegung der Schneeflocken abgesehen. Es war nichts mehr vom Gras der weiten Ebene zu sehen und die Straße dazwischen war nur deshalb zu erkennen, weil die leichten Erhöhungen an ihrer Seite von der notdürftigen Räumung zeugten, die unterbezahlte Staatsbedienstete an der Landstraße offenbar mehr halbherzig versucht hatten. Einzelne Bäume krümmten sich, vom Wind gedrängt, um wenige Centimeter und bogen sich dann wieder zurück. Irgendwo in der Ferne waren einige Hochspannungsleitungen zu sehen, dahinter irgendwo Berge, an einer anderen Seite ein Wald. Ansonsten nur die weite Ebene, durchzogen von maroden Holzzäunen mit Stacheldraht, die fadenscheinig Besitzverhältnisse andeuteten. Sie regten sich ebenso wenig wie der Rest der weißlich-grauen bis hölzern-schwarzen Szenerie.

Achtzehn Stunden lang.

Walküre hatte gewartet. Die ganze Zeit über. Sie hatte sch genau so wenig bewegt wie der Rest der Landschaft. Die weiße Kunststofffolie über ihr verdeckte ihren kleinen Körper und ihr hellblondes Haar vollständig, das nur vereinzelt unter dem schweren Stahlhelm hervorragte. Aber selbst ohne diese Tarnung wäre sie innerhalb der vielen Quadratkilometer von Nichts kaum aufgefallen. Der weiße Kunststoffanzug, der sie gegen die Kälte schützte, war dem weiß-grauen Ton ihrer Umgebung vollständig angepasst. Einzig der geschwärzte Metallkoffer, den sie bei sich trug, hätte sie verraten können, aber der lag sicher unter ihr und war von oben nicht zu sehen. Und nicht einmal der lange Lauf der unter der Deckung hervorragenden Waffe hob sich farblich ab vom Gesamtbild der Umgebung. Die einzelnen Schneeflocken, die darauf hinab fielen, waren kaum zu sehen und bald war das Gewehr so eingeschneit, dass es nicht einmal eine Tarnung benötigt hätte. Einfach ein kleiner Hügel in der Ebene. Sonst nichts.

Durch das Fernrohr der Waffe beobachtete sie die Lage. Immer einen bestimmten Punkt der Straße. Nicht einmal ihre Finger rührten sich. In den ersten Stunden hatte sie noch gespürt, wie ihre Hauttemperatur langsam gesunken war. Inzwischen spürte sie nichts mehr. Selbst der Anzug konnte die Kälte nicht ganz abhalten und irgendwann kroch sie endgültig hindurch, auch wenn die Nässe des Schnees sie nicht erreichte. Die Haut ihrer Gesichtspartien wäre längst abgefault, wäre nicht alles durch ihren Helm abgedeckt. Das Visier des Helms war direkt an das Fernglas des Gewehrs gekoppelt und jetzt auf Nachtsicht geschaltet. Es war dunkel geworden in der Ebene.

Walküre hatte gewartet.

Achtzehn Stunden lang. Bis sich endlich etwas rührte.

Am Rande ihres Sichtbereiches tauchte der Konvoi auf. Drei schwarze Geländewagen mit getönten Scheiben, völlig identisch. Alle äußere Technik und Planung, alles ewige Warten und alle Tarnung wurde jetzt ersetzt durch Mechanismen im inneren ihres Körpers. Ihre Pupillen weiteten sich drastisch, als ihr Gehirn die Bewegung registrierte. Implantierte Reservoirs schütteten Adrenalin in übermenschlichen Mengen aus, das durch ihren Körper jagte und sie wieder aufheizte. Sie hielt den Atem an und musste sich zurück halten, nicht aufzuspringen, als sie aus einem nur durch Drogen aufrechterhaltenen Zustand der regungslosen Wachtrance in einen Kampfrausch gejagt wurde. Die Veränderung dauerte keine zwei Sekunden. Ihr Herzschlag verdoppelte sich beinahe, ebenso ihre Atemfrequenz. Kurz begannen ihre Hände zu zittern, dann folgten Adrenalin und Amphetaminen wieder Beruhigungsmittel. Dem Rausch folgte Konzentration. Man hatte sie nur hellwach rütteln müssen. Viel schneller, als es einem menschlichen Körper möglich gewesen wäre.

Walküre legte den Zeigefinger in den Abzug. Mechanisch, wie instinktiv stellte sie die Entfernung ein, korrigierte die Einstellungen für die Windstärke, justierte die Korrektur der Fahrtgeschwindigkeit. Leises Summen des Gewehrs quittierte ihre regen Bewegungen und das Fernglas passte sich unverzüglich an, alle Störfaktoren ausgleichend. Ruhig bewegte es sich mit den Fahrzeugen mit, so dass sie nur noch in Ruhe auf ein stehendes Ziel zu schießen brauchte.

Der durch die Reifen aufgewirbelte Schnee, der sich zu einem feinen, eisigen Nebel auffächerte und sich erst weit hinter den Fahrzeugen wieder legte, versperrte die Sicht auf die hinteren Fahrzeuge. Es war daher anzunehmen, dass sich das Ziel in einem dieser Wagen befand. Aber Walküre ging kein Risiko ein.

Das erste mal schoss sie, als das Fadenkreuz die Motorhaube des ersten Geländewagens einfasste. Als sich eine der handlangen Patronen in den Lauf schob und die Treibladung daraufhin detonierte hallte ein ohrenbetäubendes Geräusch über den Schnee und von den Lüftungsschlitzen des Laufs ausgehend stob plötzlich als Wasserdampf explodierender Schnee davon. Ihre Tarnung war innerhalb von Millisekunden dahin. Aber sie brauchte nicht lang. Das Ziel war über einen Kilometer entfernt. Die Kugel würde mehr als eine Sekunde brauchen, um das Fahrzeug zu erreichen. Nicht genug für den Fahrer, um auf den Schuss zu reagieren, aber genug für sie, um weiter zu schießen.

Das zweite mal feuerte sie dorthin, wo sie die Fahrerkabine des nächsten Fahrzeugs einschätzte. Selbst wenn sie nicht exakt traf war klar, dass man nicht würde weiterfahren können. Erst beim dritten Schuss konnte sie nicht mehr genau abschätzen, wie sie den Wagen direkt stoppen konnte. Sie feuerte daher einfach in die Mitte, wo die panzerbrechende Munition den Boden des Chassis aufreißen und über kurz über lang zum anhalten zwingen würde. Mitten in der Ebene. In ihrem Jagdgebiet.

Neunhundertsechzig Millisekunden waren nach dem letzten Schuss vergangen.

Nach eintausendzweihundertunddreißig traf die erste Kugel ein. Das Geschoss durchschlug mühelos die gepanzerte Außenhaut, zerschmetterte den Motor vollständig und trat in einem dreißig Centimeter großen Loch wieder aus, um erst weit entfernt durch die Luftreibung endlich zu Boden gebracht zu werden und unauffindbar im Schnee zu landen.
Der zweite Fahrer griff sein Lenkrad instinktiv fester und sein Gehirn war gerade dabei, die Information des ersten Knalls zu verarbeiten, als an seine Augen das Bild des explodierenden Motors im Fahrzeug vor ihm drang. Zum weiteren Nachdenken hatte er keine Chance mehr. Die zweite Kugel zerfetzte die Kopflehne hinter ihm und Metallspringer sprengten durch den Innenraum des Autos und zerfetzten den Insassen das Gesicht, noch ehe der Wagen ungebremst und mit voller Wucht auf die Rückseite des vor ihnen fahrenden prallte.
Nur der dritte Fahrer hatte Glück. Er riss das Lenkrad rechtzeitig beiseite und der Schnee am Rand der Fahrbahn sprengte über die Kühlerhaube hinweg auf die Scheibe, ehe die letzte Kugel einschlug. Sie touchierte die Hinterachse, brach sie mühelos und riss zuletzt noch ein Teil des Kofferraums weg, ehe sie sich endlich wieder entfernte.
Die Endstücke der Achsen zogen tiefe Furchen in den Schnee, als sie nach innen knickten und das Auto schließlich stoppten. Den Insassen war der Atem gestockt. Ihre menschliche Reaktionszeit gab Walküre einmal mehr Zeit. Die Sedativa in ihrem Blut wurden wiederum von Aufputschmitteln übertüncht und verlagerten ihre Handlungen vom Bewussten noch weiter ins instinktive. Ihr Bewusstsein wäre jetzt zu langsam gewesen. Zwei Kugeln noch im Magazin. Beide feuerte sie sofort auf Vorder- und Rückbank ab. Dann nahm sie die Hand vom Abzug, betätigte einen Hebel und ließ damit das Magazin herausspringen. Mit der linken hielt sie bereits ein zweites bereit und rammte es wieder in den Lauf. Als sie wieder zu ihren Zielen sah war bereits alles vorbei. Auch vom letzten Auto war nur noch ein zerfetztes Wrack übrig geblieben.

Es dauerte noch einige Sekunden, ehe sich der Schall der Schüsse gelegt hatte, den Walküre durch ihren Helm und ihre Kopfhörer ohnehin nicht hörte. Ihr Körper begann, alle Drogen im Blut zu zersetzen, als keine neuen mehr nachkamen und sie auf einen ganz gewöhnlichen, menschlichen Körper zurückgeworfen war. Sie entkoppelte ihren Helm mit einem fahrigen Handgriff vom Fernrohr und ließ ihren Kopf hinab in den Schnee sinken. Sie war plötzlich unendlich müde. Vielleicht war sie es aber auch die ganze Zeit schon gewesen und die Drogen hatten alles übertüncht. Oder sie war nicht einmal wach gewesen und es war alles nur im Traum geschehen. Für sie machte es keinen Unterschied. Die Welt war für sie surreal, weit entfernt, unwirklich. Nur ein kleiner Fleck in Ort und Zeit. Nur das winzige Feld in ihrem Fernrohr, nur der kurze Augenblick des Rausches. Nur das Gefühl des Rückstoßes der Waffe. Nur das Erahnen der fliegenden Kugeln. Nur die kurze Euphorie, die auf den Einschlag folgte. Und wenn sie wieder wartete war es, als ob sie außerhalb der Welt stünde.

Für sie war es kein schlechtes Leben. Man hatte ihr beigebracht, es nicht schlecht zu finden. Sie war zu Taten fähig wie kein Mensch vor ihr. Aber sie wusste auch, dass sie kein Mensch war. Sie war Übermensch, der in den kurzen Momenten des Kampfes geboren wurde und nur eine Sekunde, manchmal einige Sekunden später wieder erstarb. Sie lebte nicht für diese Momente, sie lebte auschließlich in diesen Momenten. Das war alles, was sie sein wollte. Höhepunkt, Fall, Zerstörung, alles konzentriert auf diese kurzen Momente, über die sie alles definierte. In denen sie ganz bei anderen Menschen war. Bei ihren Zielen. Am Ende ihres kurzen Lebensmomentes waren beide tot. Sie selbst und das Ziel. Das war das Band zwischen ihnen. Sie war es, die tot im Jenseits die Krieger zum Himmel flog, die mit ihnen gemeinsam in den Tod überging.

Sie war Walküre.


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