Evolution
by Necronius on Jan..16, 2010, under Guardians, Kurzgeschichten
„Guten Abend, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer. Ich will mich gar nicht mit einer langen Einleitung aufhalten, zumal unser heutiger Gast sicher keiner großen Vorstellung bedarf. Er gehört zweifellos zu den umstrittensten Köpfen unserer Zeit, nicht zuletzt wegen des vor wenigen Tagen erschienen und von ihm verfassten Buch ‚Darwins Fehler‘, über das wir heute mit ihm sprechen wollen: Dr. Francis Simmons, guten Abend.“
„Es freut mich auch, David.“
„Bleiben wir also bei den Vornamen. Nun, Sie werden mir zustimmen, Francis, dass Sie mit Ihrem – ich möchte sagen: provokanten – Werk ganz schönen Wirbel verursacht haben. Ging es ihnen nur um die Provokation oder meinen Sie die ganze Geschichte ernst?“
„David, Sie werden mir verzeihen, dass ich schmunzeln muss, denn natürlich ist mir die Sache ernst. Es wundert mich, ehrlich gesagt, dass es überhaupt einen solchen Empörungssturm gab. Übermenschen sind längst zur Tatsache des Alltagslebens der Menschen geworden. Ich habe nicht damit gerechnet, dass die pseudodemokratische Ignoranz diesem Zustand gegenüber sich noch bis heute hält.“
„Sie sagen pseudodemokratisch, aber stehen damit relativ allein auf weiter Flur, nicht wahr? Der Gedanke der Gleichheit vor Recht und Gesetz ist doch tatsächlich ein Grundpfeiler unserer amerikanischen Nation.“
„Ich glaube, Sie missverstehen den Grundgedanken dahinter: Natürlich ist Gleichheit vorgesehen. Aber es gilt: Gleiche Behandlung bei gleichen Leistungen. Und mit dieser Aussage bin ich beileibe kein Revolutionär. Seit jeher werden die Eliten dieses Staates anders behandelt als die sogenannten einfachen Bürger, weil ihre Leistung nun einmal – wie auch Sie nicht bestreiten werden – einen gesellschaftlich höheren Wert haben. Daran ist schließlich auch nichts auszusetzen. Im Gegenteil, es entspricht dem amerikanischen Traum: Wer Leistung bringt soll dafür belohnt werden.“
„Nun ist ja aber die Tatsache, ein Mutant – Sie verzeihen mir den Begriff, ich weiß, Sie nennen Sie Übermenschen – die Tatsache also, ein Mutant zu sein ist ja kaum eine eigene Leistung sondern in den meisten Fällen eher eine Glückssache, wenn Sie so wollen.“
„Ganz zweifellos, aber das ist bei menschlichen Talenten schließlich kaum anders. Jeder Mensch hat unterschiedliche Talente, die ihn unterschiedlich befähigen. Trotzdem ist dadurch ja die Leistung nicht weniger wert. Die Gesellschaft muss nach diesem Leistungsoutput bewerten und tut es ja faktisch auch. Der einzige Unterschied, den wir nun im Vergleich zu früheren Zeiten beobachten können ist, dass wir eine physische, eine biologische Abgrenzung zwischen unserer neuen Elite und den „gewöhnlichen Menschen“ sehen. Ich meine dies dabei keineswegs abwertend, will ich hinzufügen.“
„Womit wir zum eigentlich kontrovers diskutierten Punkt Ihres Buches kommen, Francis, nämlich Ihrer Behauptung, die Mutanten seien die natürlich vorgesehene, nächste Evolutionsstufe und müssten den Menschen auf lange Sicht völlig verdrängen. Diese Ansicht hat Ihnen von nicht wenigen Kritikern einen Vergleich mit nationalsozialistischer Ideologie eingebracht. Jetzt haben Sie die Gelegenheit, sich noch einmal zu erklären, Francis: Sind Sie nun ein Nazi?“
„Natürlich nicht, David. Und jeder, der mein Buch mit Verstand gelesen hat ist sich auch darüber klar. Mir geht es ja nicht darum, eine massenhafte Vernichtung des Homo Sapiens zu fordern. Ich konstatiere hier nur den notwendigen Verlauf der Dinge und worauf wir uns einzustellen haben. Meine Konsequenz ist aber nicht, dass wir zwanghaft versuchen sollte, diesen Verlauf zu beschleunigen. Ich sage nur: Wir müssen unseren Frieden mit der Natur machen und damit, dass der Mensch in seiner ursprünglichen Form keine Zukunft hat. Ich hoffe so vielmehr, kommende Unruhen und Konflikte zu verhindern.“
„Da komme ich nicht ganz mit, Francis, erklären Sie das.“
„Ganz einfach: Der Mensch muss sich in seine Rolle fügen. Er muss damit zurecht kommen, dass Führungspositionen nicht mehr durch ihn besetzt werden können sondern dass sie leistungsfähigeren Übermenschen zu überlassen sind. Dies ist durchaus auch zu seinem besten, denn als Arbeiter ist er ja für die Elite nützlich und sie tut gut daran, für ihn die bestmögliche Politik zu machen. Und diese Politik ist deutlich besser als jede menschengemachte.
Wir müssen schlicht das Prinzip von John Rawls konsequenz anheben: Nachteile in einer Gesellschaft sind zu akzeptieren, wenn sie zum Vorteil der Benachteiligten sind. Das ist genau hier der Fall: Wir benachteiligen die Menschen gegenüber den Übermenschen, ja, aber damit sorgen wir dafür, dass sie besser regiert werden.“
„Eine letzte Frage, bevor wir zu denen unserer Zuschauer kommen, Francis: Warum dieser Titel für Ihr Buch?“
„Ach, der Titel, natürlich. Nun, im eigentlichen Sinne ist es kein Fehler Darwins, den ich analysiere, sondern ein Fehler der Menschen mit Blick auf Darwin. Der Mensch hat in falscher Verwertung seiner Erkenntnisse immer gedacht, er sei die höchstmögliche Stufe der Evolution. Jetzt muss er einsehen, dass dem nicht so ist. Evolution geht weiter und ist viel komplexer, als wir sie uns gedacht haben. Denn sie schließt auch Mutationen ein, die durch menschliche Technologie hervorgebracht wurden. Auch Technologie ist eigentlich Evolution und beschleunigt den natürlichen Prozess rapide.“
„Danke für dieses Interview bis hier hin, Francis. Wir sehen uns gleich wieder nach der Werbung.“