VARP Charakterblogs

Soldaten

by on Jan..10, 2010, under Guardians, Kurzgeschichten

„Zeit zum Abwurf: Dreißig Sekunden. Flughöhe: Zweitausenddreihundert Meter.“

Die Stimme halte über das leise Brummen der Maschinen durch die Stahlwände hinweg und drang leise an die Ohren der in schwere Anzüge gehüllten Männer, die auf Bänken an den Wänden des Laderaums saßen. Die Köpfe waren unter Helmen verborgen, von denen Schläuche zu Sauerstoffflaschen ausgingen. Die völlig schwarze Oberfläche des Visiers und die Formung des Helms gaben ihnen den Anschein von Insekten. Riesigen Insekten.

„Zwanzig Sekunden. Waffen prüfen.“

Keiner der Männer sagte ein Wort. Völlig synchron hallte auf die Anweisung hin das Geräusch der schweren Maschinengewehre in den Händen der Männer wieder, die routiniert das Magazin prüften, wieder hinein schoben und den Hebel zur Sicherung der Munition umlegten. Stumm starrten sie aller geradeaus zu den jeweils anderen, ihnen gegenüber.

„Zehn Sekunden. Ladeklappe öffnen. Aufstellen.“

Die jeweils fast zwei Meter großen Soldaten erhoben sich gleichmäßig von ihren Plätzen und stellten sich hintereinander auf. Die tonnenschwere Rampe vor ihnen fuhr langsam mit lautem Summen herunter, das jedoch beinahe sofort vom Flugwind unterbrochen wurde, der herein fegte und an den Soldaten riss. Aber jeder von ihnen ging wie mechanisch ein wenig in die Knie, stellte sich gegen und blieb dank seines Trainings und des Anzugs mühelos auf den Beinen.
Die Sonne strahlte jetzt hinein und glitzerte auf den schwarzen Visieren, während sich vor ihnen der riesige, blaue Himmel auftat.

„Fünf, vier, drei …“

Der vorderste von ihnen trat noch einige Schritt vor auf die jetzt eben zum Rumpf stehende Rampe und hielt sich am Gestänge des Flugzeugs fest. Mit der anderen Hand hielt der die Waffe, die an der Befestigung an seinem Anzug vom reißenden Wind herumgerüttelt wurde.

„Zwei, eins …“

Der Mann rannte plötzlich los und sprang.

„Jetzt.“

Es war ein surrealer Anblick, wie die schwarzen Körper durch den Himmel rasten und sich in atemberaubender Geschwindigkeit dem Boden näherten. Unter ihnen war ihnen die Welt plötzlich entgegen gekippt, eine weite Ebene, völlig vernebelt von dichtem, grauen Rauch, aus dem nur an einigen Stellen Dächer und einfache, hölzerne Wachtürme herausragten, vielleicht dreihundert Meter vor ihnen.
Das Sonnenlicht schien sich auf den Wolken zu spiegeln und kurz konnte man glauben, nicht die Erde, sondern der Himmel läge vor ihnen und sie fielen dem Weltraum entgegen. Vielleicht zwanzig Sekunden verharrten sie in diesem rauschhaften Zustand, als der erste von ihnen die Reißleine zog und der riesige Fallschirm sich aufspannte.
Der Ruck, durch die sich plötzlich verringernde Geschwindigkeit, war enorm und drehte den Soldaten kurz den Magen um. Auch ihre Flugrichtung änderte sich plötzlich. Sie fielen nicht mehr, sondern rasten im Sinkflug auf die Häuser zu, die vor ihnen aus dem Rauch ragten.
Der erste von ihnen richtete sein Maschinengewehr aus und begann, in die dichten Wolken hinein zu feuern. Es war unmöglich, dass er etwas sah, und doch waren seine Feuerstöße gezielt, waren immer auf bestimmte Punkte gerichtet. Auch die anderen folgten seinem Beispiel, jeder für sich andere, scheinbar willkürliche Punkte unter Feuer nehmend.
Sie danken weiter, bis ihre Fußspitzen die Wolken berührten, dann breiteten sich die Bremsfallschirme aus. Rasch verloren sie die letzten Höhenmeter und ihre Geschwindigkeit. Kaum etwas war zu sehen. Nur vage ließ sich erkennen, dass sie über den Asphalt einer Hauptstraße hinweg flogen. Vier Meter über der Straße klinkten sie die Gleitschirme aus, die über ihre Köpfe hinweg rasten, wieder an Höhe gewannen und sich dann zu unförmigen Knäueln verdichteten, ehe sie zu Boden fielen.
Das ohrenbetäubende Rauschen der Luft war jetzt dem Geräusch der Schüsse gewichen, die überall um sie herum knallten, garniert mit dem Krachen der Artillerieeinschläge und dem markanten Pfeifen, das ihnen vorausging. Sie entfernten auch den zweiten Schirm, als die Geschwindigkeit niedrig genug war, prallten auf die Straße und rollten sich ab, wiederum alle synchron. Es war keine Sekunde nötig, bis sie wieder auf den Beinen waren und vorwärts rannten, eine perfekte Formation bildend, die Gewehre hochgerissen und vor dem Gesicht. Sie waren am Ziel. Sie waren im Krieg.
Jeder von ihnen spürte in solchen Momenten ein Hochgefühl. Jeder von ihnen wusste, dass das sein zu hause war. Eine Heimat, die nicht an einem bestimmten Ort war sondern in einer bestimmten Situation. Der Krieg war ihre Wiege gewesen, der Grund ihres Seins. Jedem von Ihnen war das vielleicht nicht bewusst, aber die Gewissheit steckte dennoch in ihnen und sie gingen in all ihrem Denken von diesem Grundsatz aus.
Mit ihnen war eine neue Generation von Soldaten entstanden, die nicht für ein Land kämpfte, nicht für eine Ideologie kämpfte, sondern die kämpften, um zu kämpfen. Sie waren nicht etwa durch Nationen und Staaten erzeugt worden, sondern in den Labors der Sicherheitskonzerne. Sie waren eine Kreation des liberalen Kriegs, der Fortsetzung des althergebrachten Söldnertums. Nur kämpften sie nicht einmal für Geld, sondern um des Krieges selbst willen. Jeder von ihnen kannte den Rausch, den das Töten verursachte, den man ihnen eingeimpft hatte durch alle Arten medizinischer Eingriffe. Und obwohl jeder von ihnen wusste, wie künstlich dieser Rauschzustand, diese Sucht nach Krieg war, empfanden sie es nicht als falsch, zu kämpfen. Im Gegenteil: Nur im Krieg konnten sie sie selbst sein, nur im Krieg durften sie tun, wozu sie fähig waren, was ihren Fähigkeiten entsprach.
Wenn sie daheim waren, in ihren großen Wohnungen in den reichen Vorstädten der Metropolen der Welt, kamen sie sich seltsam sinnlos vor. Das Unternehmen sorgte für alles, was sie sich wünschten, und doch war alles fad, alles falsch und unpassend, unordentlich, unwirklich. Jedes Aufwachen im weichen Bett neben einer Ehefrau, einer Freundin oder einem Freund war ein surrealer Angriff auf ihre Psyche, gegen den sie sich nicht zu wehren wussten. Jedes Frühstück, jedes Mittagessen, jedes Müll-rausbringen, jedes Spülen, Kochen, Waschen, Putzen, wenn sie es denn selbst taten, jede Sendung im Fernsehen, jeder Artikel in der Zeitung. Alles war so fremd. Jeder von ihnen hatte diese Erfahrung gemacht, aber nie einem der anderen davon erzählt. Allgemein sprachen sie wenig miteinander. Sie fuhren jeden Tag in die Firma, trainierten, trafen sich, grüßten sich, und warteten nur, die Waffen in die Hände zu bekommen um wenigstens ein bisschen näher an ihrer eigenen Heimat zu sein. Am Krieg. Der Krieg war zu ihrer Zuflucht geworden. Die Heimat der Heimatlosen. Eine eigene Nation, für die sie kämpften, der Kampf für den Kampf, der Krieg für den Krieg.


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