VARP Charakterblogs

Grozny III

by on Jan..02, 2010, under Irina Iwanowna Taimanow

11. März 1993

Sie hatte noch immer die Melodie der Orgel im Ohr, als sie nachts auf ihrem Zimmer lag. Und das obwohl draußen bereits die ganze Zeit Lärm herrschte. Irgendjemand hatte eine Mülltonne angezündet und irgendjemand anders deswegen die Polizei gerufen, die jetzt die verbliebenden Anwesenden zusammenschrieh. Wieder einmal. Sie schloss die Augen und versuchte, sich den Liedtext wieder in Erinnerung zu rufen, während sie wie zum Gebet die Hände faltete.
Als sie die Augen wieder öffnete sah sie über sich an der kahlen Betondecke das Kreuz, das sie selbst mit Kreide dort hin gemalt hatte. „Vater, bewahre mich …“ flüsterte sie leise, als die Tür des winzigen Raumes krachend auf flog und ein vielleicht dreißigjähriger, glatzköpfiger Weißer mit Zigarette im Mundwinkel eintrat. Hinter ihm stand mit ängstlichem Blick der Priester.
Der Mann sah sich kurz um und wandte sich dann an ihn. „Wer ist das Mädchen?“
„Sie heißt Irina. Mehr weiß ich auch nicht.“
Das Mädchen war inzwischen bereits aufgestanden und funkelte den im Militärkleidung gehüllten Mann an.
„Was ist hier los, Vater?“ fragte sie ernst und ballte die Hände zu Fäusten.
Zweifellos hätte sie nicht die geringste Chance gegen den Militär gehabt, der sich nun etwas überrascht zu ihr umwandte, aber muskulös war sie ohne Frage. Zwischen den Strähnen ihres schwarzen Haars, die ihr ins Gesicht fielen, blickte sie ihrem deutlich größeren – und kräftiger gebauten – Gegenüber entgegen.
Der kam langsam auf sie zu, während er antwortete:
„Hast eine Militärausbildung gemacht. Ist das richtig?“
Irina nickte stumm und hob die Fäuste ein wenig. Ein Grinsen war die Antwort.
„Kein Grund, unfreundlich zu werden. Ich will dir nichts tun. Ich will dein Freund werden. Ich bin Michail, okay?“
Er nahm seine Zigarette aus dem Mundwinkel und reichte sie Irina. Sie sah darauf und ihm noch einmal misstrauisch ins Gesicht, ehe sie sie annahm und sich in den Mund schob.
„Siehst du. So ist gut. Komm mit.“ sagte er grinsend und drehte sich um, den Priester beiseite schiebend.
Sie gingen zum Innenhof hinunter, von dem aus Schreie hinauf tönten. Es war also doch nicht die Polizei gewesen. Die brennende Mülltonne allerdings gab es wirklich. Sie stand in der Mitte des Innenhofs, der von Soldaten umstellt war. Um die Tonne herum waren die Bewohner des Heims in ihrer Nachtkleidung angeordnet. Einige von ihnen waren sogar nackt. Die alten Nonnen und natürlich die Kinder. Das jüngste war gerade mal fünf, das älteste neunzehn, nur etwas älter als Irina.
Michail nickte einem der Soldaten zu, der den Priester darauf hin grob an den Armen packte und ihn ebenfalls auf die Knie zu den anderen in den Kreis stieß. Eine der Nonnen begann zu weinen, der Priester ebenfalls. Michail beugte sich dann zu Irinas Ohr hinunter und streichelte ihr durch die Haare. Die Muskeln überall in ihrem Körper schienen sich anzuspannen.
„Du musst mir jetzt helfen, Irina.“ sagte er flüsternd, während sie geradeaus starrte. „Ich will drei von euch für meine Einheit mitnehmen. Aber ich will nur die besten. Welcher von denen kann kämpfen?“
Irina schwieg. Ihre Augen begannen zu tränen. Sie traute sich nicht einmal, zu blinzeln. In ihrem Kopf hörte sie noch immer, wie zum Hohn, die Orgelmelodie. Aber der Text wollte ihr nicht einfallen …
„Keiner?“
Michail seufzte und erhob sich wieder. Er zog eine Pistole vom Gürtel, richtete sie auf die weinende Nonne und schoss. Das Schauspiel dauerte keine Sekunde, dann brach die Nonne blutend zusammen. Einige der Kinder kreischten und sahen hektisch um sich, aber Michael hob die Hände.
„Ssssshhhh … Ruhig, ruhig liebe Kinder. Es wird alles gut.“
Noch einige mehr begannen jetzt zu weinen und wieder sah Michail zu Irina.
„Wie sieht es mit der anderen Nonne aus?“
Irina nickte widerwillig.
„Sie kann kämpfen?“
Wieder ein Nicken.
„Gut.“ sagte Michail und ging zu ihr, ihr seine Pistole hin haltend.
„Nimm die Waffe.“ sagte er, doch die Nonne rührte sich nicht.
„Nimm die Waffe.“ wiederholte er noch einmal, und endlich rührten sich zitternd die Finger der alten Frau, die vorsichtig nach der Pistole griff und sie in beide Hände nahm. Es war offensichtlich, dass sie noch nie eine Waffe in den Fingern gehalten hatte und nicht im entferntesten wusste, wie man sie richtig einsetzte.
Michael beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte ihr ins Ohr, woraufhin sie umso zittriger ihre Hände hob und auf einen zwölfährigen Jungen vor ihr anlegte, der starr ins Feuer blickte und nichts bemerkte. Ein, zwei, drei Sekunden lang geschah nichts, bis Michail ihr die Pistole wieder abnahm.
„Die Sicherung, gute Frau, die Sicherung.“ sagte er, gespielt bedauernd, ehe er auf ihren Kopf anlegte – und schoss.

Nach zwanzig Minuten endlich war es vorüber. Irina saß in einem Militär-LKW, der durch die Nacht brauste. Man hatte ihr nicht einmal Handschellen angelegt. Überall um sie herum saßen Soldaten, die sich lachend über die Gesichter unterhielten, die die Kinder gemacht hatten.
Als Irina zwischen den Planen hindurch nach draußen sah glaubte sie noch immer, den Qualm des verbrennenden Kinderheims hinter sich zu sehen und glaubte noch immer, den beißend-scharfen Geruch der sich langsam in Asche verwandelnden Leichen zu riechen.
Michail hatte nacheinander immer zwei der Überlebenden gegenüber gestellt, beide mit einer Pistole in der Hand. Er hatte nur gewartet, wem es zuerst gelang, einen Schuss abzufeuern. Wenn es ihm zu lange gedauert hatte, hatte er beide erschießen lassen.
Die Kinder hatten erst nur gestarrt, dann geweint und irgendwann gar nichts mehr getan. Apathisch standen sie da, gingen in die Mitte, wenn man es ihnen sagte, und wandten instinkthaft ihre ganze Kraft auf, um den Abzug zu drücken und das Kind ihnen gegenüber abzuschießen.
Vorher waren sie in diesem Heim alle wie Geschwister gewesen. Jetzt waren sie Hunde, die übereinander her fielen. Bruder über Bruder, Schwester über Schwester.
Neben Irina hatten nur zwei andere Jungen überlebt, einer sechzehn, einer siebzehn, aber bei beiden zweifelte sie, dass sie noch lange durchhalten würden. Sie waren abgetrennt in je einen anderen LKW gebracht worden und man hatte in ihren Augen gesehen, dass etwas an diesem Abend zerstört worden war in ihren Köpfen. Irgendetwas war im Feuer des Gebäudes geblieben, das sie gerade verlassen hatten.
Jetzt würden sie in eine Lebensphase eintreten, in der sich die Situation auf dem Innenhof ewig wiederholte: Jemand hatte ihnen und ihrem Gegenüber eine Waffe in die Hand gedrückt. Einer von ihnen musste schießen. Irgendwer.
Sie waren Soldaten geworden, Soldaten, wie die Männer um sie herum die jetzt so lachten.
Irina lachte nicht.
Aber sie weinte auch nicht.
Sie wusste, dass sie selbst überleben würde.


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