VARP Charakterblogs

Ebene B011 – Teil 2

by on Sep..05, 2009, under Radhiya Ntshoko

Der blass-bläuliche Rauch der Zigarette schwebte sanft im steten Zug der Belüftungsanlage in die Ventilationsschichte davon. Das raue Gesicht des Alten wurde nur ein wenig durch das kurze Aufglimmen erhellt, das das Saugen an der Zigarette bewirkte. Der rasch verschwundene Lichtschein ließ die immernoch gut sichtbaren Wunden auf dem Gesicht erkennen. Unter dem stumm auf dem Wartungsgang sitzenden hallte tief unten der Lärm der Arbeiter, unterbrochen von derbem Auflachen und den gebrüllten Anweisungen der Aufseher. Ein gewundenes Chaos aus dem Dröhnen der Motoren und den Stimmen der Menschen. Und hier oben nur das monotone Geräusch des riesigen Ventilators, der für Frischluftzufuhr sorgte.

„Er ist vor  zwei Tagen umgebracht worden.“

Die Frauenstimme klang traurig und resigniert. Sie war kaum lauter als die Geräusche, die ohnehin zu hören waren. Dennoch schreckte der Alte auf und ließ seine Zigarette fallen, die durch das Gitter, auf dem beide standen, nach unten zu den Schächten fiel.

„Scheiße …“ brummte er. „Was willst du?“
Die kleine, schwarze Frau hockte sich zu ihm und lächelte traurig.
„Ich möchte, dass du einsiehst, was falsch gelaufen ist.“
„Glaubst du selber nicht, oder? Der Wichser hat sich hier oben aufgespielt und die Chinesen haben ihn nach unten geschickt. Es ist alles so gelaufen, wie es sollte.“
„Unten waren deine Freunde. Jetzt ist er tot.“
„Hör zu, Mädchen, wie lange bist du schon hier?“
Wieder lächelte sie traurig. „Ein Jahr.“

„Dann hast du noch nicht sehr viel kapiert für die Zeit. Ich bin hier schon über 20. Und ich werde hier auch noch mal 20 Jahre bleiben, wenn mich vorher keiner killt. Es gibt hier ein paar Regeln, die die Chinesen nicht machen. Die hat es schon gegeben, bevor die Chinesen kamen und die wird es auch noch geben, wenn die wieder abhauen. Das hat nichts mit schwarz oder weiß zu tun. Es gibt hier nur eine Trennung zwischen stark und schwach und zwischen schlau und Idiot. Und er war ein Idiot. Das reicht, um hier irgendwann draufzugehen.“

Sie blieb zwei Sekunden stumm und regungslos, ehe sie langsam ihre Hand hob und die Wange des Alten zu berühren versuchte. Der packte sie und hielt sie in festem Griff.

„Fass mich nicht an, Mädchen.“

„Du tust mir weh.“ sagte sie. Traurig. Fast mitleidig.

„Ist ja ganz was Neues. Pass mal auf, Mädchen. Ich zeig dir jetzt mal was, damit du begreifst, wie die Sache hier läuft.“ Die Stimme war völlig ruhig. Der Alte nahm die andere Hand der Frau und griff sie beide mit seiner linken. Mit der rechten hielt er ihr den Mund zu und drückte sie rücklings auf den Boden.

Sie wehrte sich nicht. Kein Beißen, kein Anspannen der Muskeln. Sie versuchte nicht zu schreien, verzog nicht das Gesicht. Nur ihre Augen sahen ihn traurig an. Stummes Mitleid.

Von unten hallte der Lärm der Arbeiter herauf.

Oben nur das Geräusch des Ventilators.

Ein Reißverschluss. Nicht laut genug, um überhaupt gehört zu werden.

Dann ein Körper, der an eine Stange des Metallgeländers stieß.

Stoff im Wind.

Plötzlich Stille.

Nur der Ventilator. Monoton. Unverändert.


Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.

Auf der Suche?

Benutze das Feld unten um etwas auf der Seite zu finden:

Immernoch nichts? Schreib einen Kommentar!

Links!

Ein paar nützliche Links...