VARP Charakterblogs

Ebene B011 – Teil 1

by on Aug..23, 2009, under Radhiya Ntshoko

„Wenn du nicht gleich deine Scheißfresse hälst …“

Es war laut. Wirklich laut. Dem Hühnen gelang es trotzdem, die gegenseitigen Beleidigung, die geschriehenen Anweisungen der Wärter auf Chinesisch, das Klappern der Tabletts, die Geräusche der Küche und das unwillige Rumoren der Gefangenen zu übertönen. Als das geschah wurde es merklich leiser. Die Schlange an der Theke kam zum Stehen. Offenbar geschah hier etwas besonderes. Köpfe wurden vorgereckt, um erspähen zu können, woher die markante, tiefe Stimme kam, die da so laut gewesen war. Was vorher noch wie eine chaotische Flut aus dem Orange der Overalls gewirkt hatte, die sich auf die Theke ergoss, war nun ein Ausbund aus geordnetem Schweigen. Ein Kreis bildete sich um den Hühnen und den deutlich kleineren, weißen Mann, der mit dem Rücken zu ihm stand und sich noch kein bisschen bewegt hatte. Jetzt aber stellte er endlich sein Tablett ab, strich sich über das schlecht rasierte Kinn, atmete langsam aus, drehte sich um und sah nach oben.

„Passiert was, mein schwarzer Genosse?“

Der Kleine wirkte trotz der rauen Stimme wirklich nicht besonders gefährlich. Er war muskulös, ohne Frage, sah jedoch im Vergleich zu seinem Gegenüber eher mickrig aus. Er war bereits sichtlich über fünfzig Jahre alt, vielleicht auch schon sechzig. Sein Haar war ergraut, seine Augen leicht verengt. Vermutlich war seine Mutter oder sein Vater chinesischen Ursprungs. Es verlieh seinem Auftreten etwas linkisches und der ungepflegte Bart wie der Schmutz auf seinem orangenen Overall, an den Fingern und unter den Nägeln taten ihr übriges dazu.

Der Hühne – schwarz, glatzköpfig und mit steinerner Mine – hockte sich hin, um mit seinem Gegenüber auf Augenhöhe zu sein. Er hatte nicht einmal besonders laut gesprochen. Trotzdem war er hörbar gewesen. Vielleicht achtete auch automatisch jeder auf seine Stimme. Auch die Wächter hatten offenbar bemerkt, das etwas vor sich ging und nach gebrüllten, chinesischen Anweisungen verschwanden die Angestellten der Essensausgabe wieder in die Küche und zogen die dicke Stahltür hinter sich zu, während die Wächter sich mit Schlagstöcken einen Weg durch die nur widerwillig Platz machende Menge bahnten.

„Die Zeit, als Weiße und Schwarze gegeneinander waren ist vorbei. Gibt leider immer noch ein paar Würmer wie dich, die das nicht verstehen. Aber als deine Mutter sich von einem von den Besatzern ficken gelassen hat und du dabei raus kamst war das in Ordnung, eh? Ich bin wenigstens Afrikaner, Mischling, du bist gar nichts mehr.“

Die Stimme des Hühnen war sehr leise geworden. Trotzdem verstand es jeder im Umkreis. Die Stille, die eingekehrt war, wurde nur noch von den Stiefeln der Wärter und ihren vereinzelten Schreien auf chinesisch unterbrochen. Der Kleine grinste breit.

„Vergiss es. Ich bin immerhin ein halber Chinese. Wenn gleich die Wächter kommen und sich aussuchen müssen, wen von uns beiden sie nach unten schicken, was meinst du? Wen suchen sie sich raus? Den Chinesen-Bastard, der lieb und nett zu ihnen ist und ihre Sprache spricht oder den großen schwarzen Mann? Hast noch ein paar Sekunden zu überlegen.“

Der Hühne lächelte. Seine rechte Hand umfasste mühelos die Unterarme des Kleinen und hielten sie in festem Griff zusammen. Als er aufstand schmetterte er den Leib des Älteren gegen die Stahltheke, wo er mit einem unangenehmen Krachen zu liegen kam. Das Grinsen blieb auf dem Gesicht, auch wenn ihm ein stoßhafter, schwerer Atem entwich. Mit der linken Hand holte der Hühne ohne eine Miene zu verziehen aus, als ihn eine Hand am Arm fasste.

„Hör auf. Bitte.“

Die Worte waren nur geflüstert, aber der Hühne verstand sie, wenn auch sonst niemand. Der Kreis hatte sich vergrößert und begann zu zerfasern, als die Wächter immer weiter vordrangen. Jetzt begann auch der Alarm. Die Ausgänge waren versperrt. Durch die Lautsprecher hallte die immer gleiche Computerstimme, die auf chinesisch Anweisungen bellte: „Jeder Häftling verschränkt die Hände am Hinterkopf und dreht sich zur Wand! Die Füße schulterbreit aufstellen! Jede Zuwiderhandlung wird geahndet! Befolgen Sie die Anweisungen sofort! Jeder Häftling verschränkt …“

Der Hühne wandte seinen Blick zu der Frau, die gesprochen hatte. Ihre Hand auf seinem Arm war nicht einmal stark genug, die Ausholbewegung zu unterbrechen, geschweige denn, zu verhindern, dass er zuschlug. Sie war schmächtig, klein, traurig und offensichtlich naiv. Ihre Augen sahen aus, als hätte sie in den vergangenen Tagen viel geweint. Sie war nicht einmal hübsch. Er brauchte nicht einmal eine Sekunde um sich zu entscheiden und seinen Ellbogen zur Seite zu rammen. Er traf das Gesicht der jungen Frau, die zurücktaumelte, aufschrieh und sich an die Nase fasste, aus der das Blut rasch hervorquoll. Sie fiel nach hinten und das einzige, was er noch von ihr sah, ehe er sich umwandte waren ihre entgeisterten, enttäuschten, fassungslosen Augen.

Dann schlug er endlich zu.


Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.

Auf der Suche?

Benutze das Feld unten um etwas auf der Seite zu finden:

Immernoch nichts? Schreib einen Kommentar!

Links!

Ein paar nützliche Links...