VARP Charakterblogs

Wandel

by on Juni.05, 2009, under Radhiya Ntshoko

Kapstadt, Südafrika, 1. Oktober 2042

Ein sanfter Wind fuhr über den Asphalt und verwehte die Wolken aus Wasserdampf, Rauch, Staub und Gas ein wenig, die sich in den Straßen gesetzt hatten. Es war stickig und trotz des Windes sah man kaum etwas. Inzwischen war es seltsam ruhig geworden, aber die Wolken kamen von Norden her und die Ereignisse hatten sich offenbar bloß verlagert. Aufgehört hatte es nicht. Vielleicht würde es das auch so bald nicht.

Eine einsame Gestalt in einem einfarbig blauen Kapuzenpullover und entsprechenden Hosen trottete mit gesenktem, unter der Kapuze verborgenem Kopf durch die Straßen. Die Schuhe traten beiläufig immer wieder in die Melange aus Glasscherben, Wasser, zerbrochenen Steinen, verklebten Papierresten, Asche, Staub und Blut. Die Kleidung war verdreckt, wie in diesem Umfeld nicht zu erwarten war.

Nicht einmal der Himmel war zu sehen zwischen den riesenhaft aufragenden Häuserwänden, die sich irgendwo oben im grau der Wolken verloren. Manchmal war zu hören, die etwas weit über den Straßen hinwegraste.

„Brüder, Schwestern, ich weiß, wie verdammt viel es euch gekostet hat, heute nur hier zu stehen.  Ihr habt jetzt noch die Gelegenheit, zu gehen und mit einer Verwarnung oder einer leichten Strafe davon zu kommen. Wenn ihr euch nicht sicher seid, geht jetzt!“

Das leere, tote, stille Grau war bedrückend. Die Schaufenster waren allesamt mit schwarzen Panzerplatten versperrt. Die Gebäude waren nicht mehr als monolithische, unzugängliche Blöcke, die die Sicht nahmen und mehr als bedrohlich zu gigantischen Säulengängen aufragten. Alle gleichmäßig, alle alt, aber ungebrochen. Und auf sich trugen sie nichts. Keine Decke, wie die griechischen Tempel, nur Luft. Sie waren sinnlose, regungslose Riesen, die den Himmel zerstachen.

Unter der Kapuze lächelte die Gestalt über diese ganzen Bilder und stellte sich vor, dass hinter diesem ganzen Beton, hinter diesem Panzer, hinter all den Sicherheitstüren und Kameras wirklich Menschen saßen, die nichts von alledem wussten. Sie sahen und hörten nichts davon. Hier draußen war man für alle dort drinnen unsichtbar. Ein Gefängnis, wenn man so wollte. Aber hier draußen waren die Verbrecher.

„… wollen sie uns jetzt ganz die Luft abdrücken? Demokratie ist für eine Gesellschaft wie die Luft zum atmen. Keiner sollte seinen Henker wählen. Die Geschichte hat uns gezeigt …“

Die Worte hallten der Gestalt noch durch den Schädel. Wo der Redner jetzt war, wusste sie nicht. Vielleicht bei den vielen anderen. Vielleicht war er auch längst fort. Mit einer ihrer jetzt von klebrigem Staub grauen Hände strich sie über das rostige Metall einer provisorischen Panzersperre, die man noch nicht beiseite geräumt hatte. Eine Stunde nur, vielleicht zwei, dann sähe hier alles aus wie zuvor, wäre hier nichts geschehen, nichts gewesen. Es würde eine Presseerklärung geben, viele Prozesse und noch mehr Akten, aber am Ende bliebe alles wie zuvor.

„Ich sage euch, dass wir jetzt etwas verändern können und jetzt etwas verändern müssen! Dass ihr hier seid zeigt, dass noch nicht alle blind sind! Seht euch diese Häuser an! Seht euch diese Straßen an! Als ich ein Kind war, war das alles noch nicht da! Aber wir waren frei!“

In der Ferne waren die Drohnen der Sicherheitskräfte zu hören, die ihre immer gleichen Botschaften auf chinesisch durch die Straßen brüllten. Sie selbst waren nicht zu sehen, rasten in hundert Metern Höhe oder mehr durch den grauen Dunst. Die Gestalt hielt inne und schloss die Augen, als die Erinnerung an die letzten dreißig Minuten unerbittlich wieder auf ihr Bewusstsein eindrosch. Sie erinnerte sich an das matte Funkeln der synthetischen Panzerkunststoffe, an Menschen in Rüstungen, an Wut, an Furcht …

„Wir können jetzt ein Zeichen setzen! Dass diese Gebäude eingerissen werden können! Dass unsere Stimme lauter ist als das Propagandagedröhne der Medien! Wir können diese ganze Scheiße endlich beiseite räumen! Nehmt euch Schweißbrenner und geht in die Häuser! Geht in die Bürogebäude! Gebt allen Menschen Bescheid, dass es kein Redeverbot mehr gibt! Dass wir nicht mehr schweigen, sondern so laut schreien, dass man es bis nach Peking hört!“

Die gepanzerten Fahrzeuge waren rasend schnell gewesen. Nur durch das Dröhnen der Triebwerke hatte man sie hören können. Jeder hatte gewusst, dass sich bald Reihe um Reihe aus dem grauen Schleier schälen würde. Jeder hatte davon gehört. Jeder hatte die Aufmärsche im Fernsehen beobachtet. Und dennoch …

„Vielleicht sitzen wir morgen schon alle im Gefängnis, Brüder und Schwestern. Vielleicht sind einige von uns morgen tot. Aber wir sind schon gefangen! Wir sind schon jetzt verdammt! Jetzt haben wir unsere Chance, der Welt zu zeigen, wie man uns ankettet! Wir haben diese Verantwortung gegenüber Milliarden Menschen dort draußen, die darauf warten, dass jemand sich endlich traut, aus der Reihe zu treten und sich die Uniform vom Leib zu reißen!“

Eine verdreckte Studentenuniform im Straßenstaub. Von schweren Stiefeln zertrampelt. Wem sie gehörte wusste niemand mehr. In einer Stunde wäre sie ohnehin auf dem Weg in die Verbrennungsanlagen. Oder sogar schon verbrannt. Die Suchtrupps waren überall. Überall. Die Gestalt lief weiter.

Sie lief durch die Straßen.

Sie lief durch die Gänge des Gefängnisses.

Sie lief vorbei an den Menschen, drückte sich durch die Menge, die trotz der Angst und dem Drang, zurückzuweichen, für sie Platz machte. Sie, die als einzige nach vorn wollte. Es war wie in Trance. Sie nahm die Kapuze ab, zeigte ihre schmerzerfüllten Augen, ihr stummes Gesicht, ihre flehend schweigenden Lippen vor. Sie trat vor die Menge. Ohne Regung, ohne Tränen. Durch schwarze Helme sahen sie ihren Blick, mussten sie ihn sehen. Die erhobenen Gewehre schwiegen ebenso wie sie. Das Dröhnen der Triebwerke übertönte den Moment der Stille.

Dann ein Stein.

Die Gestalt weinte.

Aber sie würde lernen, zu lächeln.


Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.

Auf der Suche?

Benutze das Feld unten um etwas auf der Seite zu finden:

Immernoch nichts? Schreib einen Kommentar!

Links!

Ein paar nützliche Links...