VARP Charakterblogs

Grozny II

by on Mai.25, 2009, under Irina Iwanowna Taimanow

14. August 1984

„Ich hab‘ Geburtstag.“

Die Stimme des Mädchens in einem teilweise bereits fadenscheinigen, roten Kleid klang traurig. Es hockte auf einem viel zu großen Plastikstuhl und ließ die Beine baumeln. Der Stuhl zeigte bereits erste Risse. Die Strümpfe des Mädchens waren möglicherweise ursprünglich einmal weiß gewesen, inzwischen aber sahen sie eher grau aus und einige Löcher gaben den Blick auf  die verdreckte Hornhaut der Füße frei. Auf dem Tisch lag ein Teddybär, dessen Knopfaugen längst verloren gegangen waren und wohl irgendwo zwischen den alten Holzdielen lagen, die unter jedem Schritt knirschten.

Der Blick des Mädchens auf auf den Abreißkalender an der Wand gerichtet. 14. August stand da. Auf kyrillisch.

Niemand antwortete. Das Mädchen war allein im Zimmer. Es biss sich auf die Unterlippe und sah ängstlich zur Tür, als etwas klapperte. Es folgten lachende Kinderstimmen. Das Mädchen lächelte ein bisschen. Ihre Freunde. Bestimmt ihre Freunde. Die Tür wurde aufgestoßen und drei Jungen stürmten hinein. Zwei von ihnen zwischen zwölf und dreizehn, einer von Ihnen mit einer zerknitterten Zeitschrift in der Hand, auf deren Umschlag eine nackte Frau dem Betrachter entgegensah. Das Mädchen sah aber sofort zum dritten, der vielleicht fünfzehn Jahre alt war, ersten Bartwuchs zeigte und ein schartiges Messer an seinem Gürtel trug. Auf seinem Kopf saß die Mütze eines Offiziers der roten Armee, die sein Großvater ihm gegeben hatte, als er noch lebte.

Die zwei kleineren Jungs boxten einander und hoben wild durcheinander redend eine Diele an, um sich eine Wodkaflasche heraus zu nehmen. Das Mädchen verstand nicht, warum sie über alles lachten. Sie verstand aber auch nicht, was sie sagten. Der Fünfzehnjährige trat auf sie zu, nahm die Mütze ab und fuhr sich einmal über die kurzgeschnittene Frisur.

„Du bist also weggelaufen, eh?“

Das Mädchen nickte stumm und machte sich klein auf dem Stuhl.

„Dann bleibst du jetzt bei uns und machst, was ich sage. Dann überlebst du und wirst nicht geschnappt, klar?“

Wieder nickte das Mädchen schüchtern.

„Okay, dann haben wir das klar. Wie heißt du?“

Das Mädchen zögerte und sah kurz zu den anderen beiden Jungs, die abwechselnd kleine Schlucke aus der Flasche tranken und danach das Gesicht verzogen.

„Hey, ich hab dich was gefragt.“ sagte der Fünfzehnjährige und drehte den Kopf des Mädchens wieder gewalttätig zu sich. Es erschreckte sich und kiekste auf.

„Wie heißt du?“

„Ich … Ich bin Irina.“


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