Grozny I
by Necronius on Apr..27, 2009, under Irina Iwanowna Taimanow
26. Juli 2012
Als der Flugkörper den Bombenschacht im Rumpf der MiG 304 verließ, waren bereits mehrere Computer damit beschäftigt, die kleinen Steuertriebwerke des windschnittig gehaltenen Metallzylinders zu kontrollieren und den Kurs so gegen Windeinflüsse, Unregelmäßigkeiten durch einen nicht ganz perfekten Abwurf und Komplikationen durch leichte Materialschäden zu halten. Gestützt durch ein Sattelitensystem der russischen Regierung konnte die Flugkurve mehrere hundert mal pro Minute mit dem Idealverlauf abgeglichen und gegebenenfalls korrigiert werden. Eine beeindruckende technische Leistung, die ein Ingenieursteam einer deutschen Firma mehrere Jahre in Lohn und Brot gehalten und danach einige Fabriken in Osteuropa mit Aufträgen bestückt hatte. Ein voller Erfolg also, wie auch die Generalität der russischen Föderation hatte bestätigen müssen, als sie in der Vorführung zu sehen bekamen, wie der Flugkörper sich weniger als hundert Meter über dem Boden teilte und Sprengkörper mit exakt austariertem Luftwiderstand entließ, die sich so aus einer grauen Stahlwolke zu einem weit ausgebreiteten schwarzen Regen formten. Je nach Geschwindigkeit des Abwurfflugzeuges konnte dieser in der Nacht beinahe unsichtbare Katarakt eine Formation bis zu 200 Metern Länge bilden und die russische Flugzeugfirma hatte dieses Maximum in Kooperation mit dem deutschen Entwicklungsbüro auch mühelos erreichen können. Ein Erfolg, der mit einer Prämie an die Herstellerfirma und Boni an die Forscher vergütet worden war. Mehrere Wirtschaftszeitschriften Russlands sahen sich in Artikeln bemüßigt, dies als rundum gelungene Erfolgsgeschichte zu bezeichnen.
Menschen in den Straßen Groznys waren möglicherweise anderer Meinung. Tatsächlich aber hatte sie niemand gefragt.
„Ich habe gesagt, ihr sollt in Deckung gehen! Vollidioten!“ Die geknurrten Worte der Frau Ende dreißig mit beinahe kahl geschorenem Kopf und einer Maschinenpistole in den Händen wurden nicht gehört. Sie hatte sie absichtlich leise gesprochen und der ohrenbetäubende Lärm der Splitterbombe war noch nicht vollends verklungen. Die ganze Straße war in einen Nebel aus Betonstaub gehüllt, der sich wie Ruß auf das Gesicht legte und die Augen tränen ließ.
Die Frau erhob sich vom Boden und ging langsam in gebückter Haltung weiter. Eine Deckung nützte in diesem Nebel ohnehin nichts. Sie senkte die Maschinenpistole und zog ein Kampfmesser. Ein Nahkampf war bei dieser Sichtweite ohnehin wahrscheinlicher.
Die Suche nach ihren Kameraden dauerte nicht lang. Drei von ihnen waren wieder auf den Beinen und hatten Glück gehabt, einer war sofort tot gewesen, ein letzter lag blutend und leise wimmernd neben den Trümmern eines Autos. Die Frau bewegte sich auf ihn zu. Als sie sprach war es eher ein Zischen. „Wenn du schreist und die auf uns hetzt reiß ich dir die Eier ab, Kleiner, klar?“
Sie winkte einen anderen in mit einem Erste-Hilfe-Koffer heran, der sich den Verletzten genauer ansah. Das Gesicht war unter dem Staub kaum zu sehen. Es ließ sich nur abschätzen, dass der Mann noch keine zwanzig Jahre alt war. Seine Uniform war genau so gehalten wie die der anderen und war wohl dazu gut, sie genau in solchen Umgebungen zu tarnen. Dank des Betons verloren sich die Farben der Uniform nun jedoch ohnehin in stumpfem Einheitsgrau, mit dem auch die Wunden des verletzten verklebt waren. Der Sanitäter sah sich zur Frau um und schüttelte bloß den Kopf.
„Sorry, Kleiner.“ sagte sie und setzte das Messer an. Mit einer Handbewegung bedeutete sie den anderen in der Umgebung, weiter zu marschieren. Sie erhob sich und seufzte leise. Mehr nicht. Nach wenigen gewechselten Worten an diesem Abend würde so gut wie jeder in der Gruppe den jungen Mann vergessen haben. Sie war die Anführerin, sie musste dafür sorgen, dass so viele wie möglich hier lebend raus kamen. So viele wie möglich. Nicht mehr. Das war ihr Job. Wie eine Soldatin.
Als sie die Maschinenpistole hob, berührte der Lauf kurz die Hundemarken um ihren Hals, auf denen ihr Name eingestanzt war. Irina Iwanowna Taimanow.
April 28th, 2009 on 21:42
Ah Grozny 😀
April 29th, 2009 on 17:43
Tschetschen-Grozny!